88
Erstes Kapitel.
z. B. in Australien hingewiesen. Die prähistorischen Quellen gebenuns geringen Aufschluss über religiöse Verhältnisse, über Familieund Gesellschaft der Urzeit. Wir sind hier, w'ie bei manchen derbesprochenen Fragen, auf die Forschungen der Ethnologen ange-wiesen. Freilich lassen sich die Zustände, wie sie heute bei denWilden Australien ^, Afrika’s und Amerika’s getroffen werden, nichtohne weiteres auf die Urzeit übertragen, aber wir gewinnen in derKenntnis der heutigen Verhältnisse doch einen ungefähren Begriffvon denen der Urzeit. Greifen wir also einige der wichtigeren dieserVerhältnisse heraus!
Parry erzählt von einem Abende, den er in einer Eskimohüttezubrachte: „Wir hatten einige Male Gelegenheit, ihre Gastfreundschaftauf die Probe zu stellen und dabei allen Grund, zufrieden zu sein. Diebesten Speisen und die beste Wohnstätte, die sie hatten, standen uns zuDiensten und die Art ihrer Aufmerksamkeit äusserte sich in einer Weise,wie sie Gastfreundschaft und eine gute Erziehung vorzuschreiben pflegen.Wir werden die zuvorkommende Freundlichkeit, mit der uns dieFrauen anboten, unsere Kleider auszubessern und zu trocknen,unsere Vorräte zu kochen und uns Schnee zum Trinken zu schmelzen,nicht so leicht vergessen und sprechen ihnen dafür unsere Bewunde-rung und Achtung unverhohlen aus. Als ihr Gast verlebte ich nichtnur einen behaglichen, sondern auch einen genussreichen Abend.Denn, als die Frauen arbeiteten und sangen, die Männer schweigendihre Angelschnüre ausbesserten, die Kinder vor der Thür spieltenund der Topf über der Flamme einer hellleuchtenden Lampe brodelte,vergass man eine Zeit lang, dass das Bild eines häuslich-glücklichenStilllebens in einer Eskimohütte vor sich ging.“ Das Gegenbild zudem Gesagten, etwa eine Kampfszene der Buschmänner, würdefreilich einen anderen Eindruck auf uns machen; doch mag dasVorstehende genügen.
- Welche Familien- und verwandtschaftlichen Organisationen kenntder Wilde von heute? Zu dieser Frage glaubte man durch dieForschungen Morgan’s die Antwort gefunden zu haben, aber esscheint, dass wir noch weit vom Ziele seien. Morgan lebte ca.40 Jahre lang unter den Irokesen und war von einem Stammederselben, den Seneka’s, sogar adoptiert worden. Er sammelte eineFülle von Material über die Lebensverhältnisse seiner neuen „Brüder“,besonders über ihr Verwandtschaftssystem und verglich die von ihmgefundenen Verhältnisse mit solchen anderer Völkerschaften. F>fand nun, dass das Menschengeschlecht einmal in einem Zustandeunbeschränkten Geschlechtsverkehrs gelebt haben müsse, welcherUrzustand freilich nirgends auf der Erde mehr nachzuweisen sei.