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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1300 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

Damen kleiden sieh, im allgemeinen Verstände, nach französischemFuss, doch haben sie noch manches Besondere. Sie tragen zum Exem-pcl sehr steife Schnürbriiste; die Haare werden bei vielen hinten rundzusammengedreht, oder mit einer Schleife gebunden. Man sieht sie seltenin Hauben, sondern meist in blossem Kopfe und entblösster Brust.Bisher sind sie noch zu vernünftig gewesen, um sich die Backen, wie diePariserinnen, roth anzustreichen. Sie werden durch die Kleidcrordnungsehr eingeschränkt. Nur die Gemahlinnen der Gesandten, die Fremdenund die von der Familie des Doge dürfen reiche Stoffe tragen, oder mitTressen besetzte Livreen geben . . . Die Biirgerweiber und Cittadinetragen französische Kleider, aber mit engen Ermeln, und eine Art vonTuch oder Schleier auf dem Kopfe (Cendal) wie die Bologneseriunen.Die jungen Mädchen haben ihre Haare zusammen geflochten, oder, lassensie lang herunter hängen; die Bäuerinnen tragen grosse Strohhüte undauf den Ohren Eosen oder andere Blumen, welches ihnen ein artigesAnsehen giebt . . . Die Männer kleiden sich französisch, und hängeneinen rothen oder grauen Mantel ( Tabaro ) um. Die Magistratspersonentragen entsetzlich grosse runde Peruquen, die ganz tief auf den Rückenhinuntergehen. Die Nobili gehen die meiste Zeit schwarz und in ihrenlangen Koben, welche beinahe wie unsere Schlafröcke aussehen. DieRoben der Servii sind von violetter Seide, und der Rathsherrn ihre roth.Sie haben eine Mütze von schwarzem Zeug in der Hand, setzen solcheaber niemals auf den Kopf. Indessenman darf nur auf dem Marcus-platz Acht geben, wenn die Nobili nach dem Broglio gehen, so wirdman deren genug sehen, die mit ihren kahlen schwarzen Röcken undalten Peruquen eine armselige Figur machen. . .Die Gondoliere trageneine Art von Schifferkleidung, mit langen Hosen, kurzen Westen undrunden Mützen von der Farbe der Livree ihres Herrn, es darf aberweder Gold noch Silber darauf sein. Nächstdem fehlte es ebensowenigwie anderwärts, an einem Stutzerthum, das sich auffällig genug bewegteum nicht gleichfalls, wie überall, die Satire herauszufordern. 1 Auchentfaltete sich bei besonderen festlichen Gelegenheiten gemeiniglich einausnehmender Aufwand. So vor allen auf den öffentlichen Bällen, welchebei der Wahl eines Dogen während drei Tagen aufeinander folgten:Die Rathsherrn tanzen dabei in rothen Roben und mit ihren erstaunlichgrossen Rathsherrnperücken; die Damen hingegen in steifen Kleidernoder Gallaroben, und sind dabei mit allen ihren Juvelen und Perlengeschmückt. Bei solchen Bällen erscheinen alle Gesandten und die ihnenempfohlenen Fremden in der Maske . . . Bei der Wahl des Doge er-

1 Vergl. unter anderem das (ungebundene) Gedicht des Abb. Parrini. IIMattino poemetto in Venezia 1763.