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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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A. Tracht. Russland . Kleidung d. Männer, d. "Weiber (17001815 ff.). 1305

erstrecken, ward jedoch nun nichtsdestoweniger dadurch zu fernerer Ver-breitung vermittelt, folgends dann noch eigens gefördert sowohl durchUebersiedelungen von hier, als auch durch die Zunahme des sich nachdorthin ziehenden Verkehrs. Aber immer einzig die höheren Stände,und auch wesentlich nur in den wenigen umfangreicheren Verkehrsstädten,wie den nordwestlicheren besonders, waren zu eiuem derartigen Klei-dungswcchsel zu bewegen. Auch wäre selbst dies wohl kaum gelungen,wenn nicht von vornherein Peter I. ausser den darauf zielenden Gesetzen,auch noch dem ebenfalls günstige Einrichtungen getroffen hätte, wieunter anderem seine im Jahre 1721 eingeführte Rangordnung von vier-zehn Klassen, mit der Bestimmung dass der dadurch erworbene Dienst-adel vor dem Erbadel gelten solle. Die mittleren und niedereren Klassen,vor allem aber die letzteren, blieben dafür durchaus unempfänglich.So gross auch unter den folgenden Herrschern der stete Zuwachs vonFremden war, und wie weit auch nun unter ihnen bei den begütertenStänden die westländische Tracht in Aufnahme kam, hielten doch jene,mit Ausnahmen eben nur in den mittleren Ständen, an der volkstümlichenKleidung fest. Und auch die gebildeteren Klassen vermochten keineswegsdurchweg davon gänzlich abzustehen, sondern behielten von ihr nichtallein mancherlei Besonderheiten, ja suchten mehrentheils solche selbstwidergesetzlich zu bewahren. Dahin gehörten namentlich, nächst derVorliebe für den Vollbart, einerseits kostbares Pelzwerk, anderseits, auchinnerhalb der dann zeitläufigen Modeform, eine möglichst kostbare glän-zende Ausstattung überhaupt. So sah sich in Betreff des Barts Peter III .(1762) veranlasst, solchen den Weltpriestern zu verbieten, und, hinsicht-lich des Aufwands, Katharina II. dazu bestimmt, im Jahr 1775 eineVerordnung zu erlassen und, da diese nichts fruchtete, mindestens fürdie Staatsbeamten, um sie davon abzuhalten, eine allen Jahreszeitenangemessene einfacheGouvernements-Uniform festzustellen. Anderseitsfreilich erfuhr dann selbst auch die französische Modeform, wenigstenseinmal den heftigsten Angriff. Es geschah dies durch Paul I. (1796bis 1801), der, gleichwie ihm die Grundsätze der französischen Revo-lution widerstrebten, so auch gegen die durch sie beförderte Fracktrachteiferte, und vor allem die runden Hüte, die kurzen Westen und Panta-lons mit ganzer Strenge untersagte. Welche Fortschritte indessen indem Punkte bis in den Anfang der neunziger Jahre in St. Petersburg ,und folgends auch in Moskau gemacht waren, blieb von eingehendenBeobachtern keineswegs unbemerkt. Da heisst es von St. Peters­ burg aus dem Jahre 1792: 1Die Kleidung der gemeinen Russen istnoch völlig die alte Nationaltracht . . . Sie besteht in einem langen, bis

1 Heinrich Storch . Gemählde von St. Petersburg. Riga 1793. II. S. 361 ff.