1308 IV. Das Kostüm vom Beginn des 18. Jahrhunderts his auf die Gegenwart.
der Frauenzimmer herrscht wie billig ein grösserer Aufwand. Dieenglische Simplicität hat zwar den Gebrauch der theuren seidenen Stoffeverdrängt, aber ohne Gewinn für den Beutel der Väter und Männer,weil die weissen englischen und ostindischen Zeuge ihrer Farbe und ge-ringen Haltbarkeit wegen um so schneller verschleissen. Der grössteLuxus der Damen scheint in ihrem Kopfputz zu herrschen. Die grosseAnzahl der Putzmacherinnen, vor deren Läden man oft zehn und mehreWägen sieht, der ungeheure Preis, mit welchem sie sich ihre leichtenF abrikate bezahlen lassen, der schnell errungene Reichthum Einiger unddie Bankerotte Anderer berechtigen zu der Vermuthung, dass durchdiesen Zweig der weiblichen Bedürfnisse ungeheure Summen in Circula-tion gesetzt werden.“ — „Da alles sich der Simplicität nähert, so nimmtauch die Mode, sich mit glänzenden Steinchen zu schmücken, im Mittel-stände allmälig ab. Der gute Geschmack der Petersburgischen Damenund ihr feiner Sinn für Eleganz und Grazie geben ihnen hinreichendeMittel an die Hand, diesen kostbaren Schmuck durch kunstlosere undgefälligere Nippes zu ersetzen.“
In Betreff Moskau’s wird unter anderem aus dem Jahr 1800 be-richtet: 1 „Der zahlreiche Adel lebt, mit wenigen Abweichungen, ungefährnach einerlei Weise, und huldigt in Sachen des Luxus immer dem Mode-geschmack, der in den cultivirtesten Ländern herrschend ist . . . Dieangesehenen Russischen Kaufleute und diejenigen freien Russen, welchezum Mittelstände gehören, zeigen schon mehr Vorliebe für die altenNationalsitten; und die Leibeigenen (welche wenigstens fünf Sechstheileder Einwohner von Moskwa ausmachen) hangen mit abergläubischerEhrfurcht an der Lebensart und den Sitten ihrer Vorfahren.“ — „Beimeiner Anwesenheit in Moskwa befolgten die vornehmen Stände denjederzeit herrschenden Modegeschmack, und zwar mit einer Eleganz undeinem Anstande, worin sie vielleicht nur von den Parisern übertroffenwerden. Die Stoffe zu den Kleidern sind gewöhnlich von vorzüglicherGüte, und kommen grössten Theils aus Frankreich und England: dochwerden auch viele und vortreffliche seidene Zeuge getragen, welche inMoskwa fabricirt sind.“ — „Frauenzimmer vom Mittelstände, undselbst Frauen und Töchter von Handwerkern tragen sich verhältnissmässigviel kostbarer und eleganter, als in Deutschland und in vielen anderenEuropäischen Ländern . . . Sehr gewöhnlich tragen die Damen an jedemFinger einen grossen brillanten Ring, und Armbänder, Halsbänder, Ohr-gehänge und anderes Geschmeide von den prächtigsten Edelsteinen undPerlen. Es ist nichts Seltnes, Sterne, Achselbänder, Ordenskreuze und
1 Engelbert Wichelhausen. Züge zu einem Gemälde von Moskwa,in Hinsicht auf Klima, Cultur, Sitten u. s w. Berlin 1803. S. 310; S. 344 ff.