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3 (1872) Geschichte der Tracht und des Geräthes vom 14ten Jahrhundert bis auf die Gegenwart / von Hermann Weiss
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1309
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A. Tracht. Russland . Kleidung d. Männer, d. "Weiber (17001815 ff.). 1309

Hutschleifen von den schönsten Brillanten zu sehen; einige grosse Herrenhatten auch zu Rockknöpfen grosse Solitärsteine, deren Werth auf mehrals eine Million geschätzt wurde.Nicht minder wird mit kostbaren Pelz-werken grosser Luxus getrieben ... Zobelpelze von 1000 bis 5000 Rubelnsind nichts Seltnes . . . Jeder Handwerksmann hat einen Pelz, der mitSeide oder anderem kostbaren Zeuge überzogen ist und wenigstens 50bis 60 Rubel kostet. Auch das geringste leibeigene Dienstmädchen gehtim Winter nicht aus dem Hause, ohne eine elegant seidene, sogenannteSaloppe, mit weissen Hasenfellen gefüttert. Wildschuren von gemeinenWolfsfellen, dergleichen in Deutschland die Honorationen zuweilen tragen,überlässt man in Moskwa bloss den Bedienten . . . Moskowitische Jn-croyablcs oder Elegans sind sehr scrupulös in der Wahl der Kleider für dieverschiedenen Jahreszeiten. Deswegen wird manches Kleid nur ein paarmal getragen, weil vielleicht ein Jahr später die gebietende Modegöttinandere Gesetze für die Jahreszeit, worin das Kleid passen würde, gegebenhat 1 ... In Rücksicht auf die Form der Kleider unterwirft man sichmeistens den französischen Modegesetzen. Diesen zufolge wird der Körpereingezwängt, zusammengeschnürt, lind in dem freien Gebrauche derGlieder auf mancherlei Weise gehindert. . . Die Trachten der Frauen-zimmmer sind viel natürlicher und der Gesundheit angemessener ge-worden, seitdem das alte griechische Kostüm nachgeahmt und besondersdie Mieder, Pochen, culs de Paris, und wie die lächerlichen Rüstzeugeder Verkrüppelung weiter heissen mögen, durch natürlichere, den Körpernicht verunstaltende Kleidungsstücke ersetzt worden sind.Das Auf-legen der Schminke ist bei den Russinnen sehr im Gebrauch. Weiberaus dem Mittelstände bemalen sich das Gesicht auf eine höchst seltsameWeise. Auf einen weissen Grund werden rundliche, abstehende rotheFlecken aufgetragen, die vollkommen das Ansehen von NürnbergerPuppen geben. Hierzu kommt noch, dass sie sich die Zähne mit einerBeilze schwarz färben, wodurch das abentheuerliche Ansehen noch ver-mehrt wird. Vornehme bepinseln auch mit mehr Geschmack, aber dennochoft sehr auffallend. Einige belegen sich die Brüste und die Vorderarmemit Schminken, und färben sich die Haare der Scheitel und Augenbrauen .. tEs wäre zur Empfehlung der Schönheit und Gesundheit bei den Mosko-viterinnen zu wünschen, dass die Polizei die Butikcn der französischen Modehändler und Parfümeurs ihrer Aufmerksamkeit würdigte, und darausalle verdächtige Sehminkpräparate und andere gefährliche Toilettenartikel,sogenannte Schönheitswasser, vinaigres de virginile, und andere nochschlimmere Dinge, die von dem äussersten Sittenverderbniss dieser leicht-

1 S. über diese ModethorhcifcSatyrcs do Monsieur le Prince Cantemiraveo lhistoire do sa vie. London 1749. S. 204 ff.