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Die Sehenswürdigkeiten Marburgs und seiner Umgebungen in geschichtlicher, kunst- und kulturhistorischer Beziehung / von Wilhelm Kolbe
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Die Marktgasse.

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Wohnungen, sondern nur Holzbauten besaß. Dieses Gebäude, welchesfrüher auch einen farbigen Anstrich hatte, ist dermalen vielfach entstellt.Der vordere Staffelgiebel ist verkürzt, die darin enthaltenen Spitzbogen-fenster sind vermauert und die übrigen Kreuzstockfenster, sowie die Thüren,meist umgeändert. Außerdem ward im 16. See. noch ein steinerner Vor-bau mit einem Balkon davor gesetzt.

Im Mittelalter wurden hier die von der Landesherrschaft der Stadtgegebenen Feste gefeiert, die oft mehrere Tage dauerten. Namentlich ginges darin auf Fastnacht hoch her.

Uff lotzel saßnacht (dem Sonnabend vor Fastnachtssonntag), sontag,montag vnd dinstag, hielten hie im Jahre 1456, Miß gnedige frouwe(die Gemahlin Landgraf Ludwigs I., Anna, eine geborene Herzogin vonSachsen) die vier Dage, mit jren jungfrouwcn, vnd auch Miß gnedigerjunger Herre (der nachhcrige Landgraf Ludwig II.) im steynhusc Dantz,dazu denn iglichs dages die burgerschen geheischt, furder auch des Radis-frvudc mit yrn frouwen vnd andern mer."

Dir Markkgaffr.

Der östliche Ausgang des Marktplatzes, die sogenannte Markt- oderKrämergasse, gehört wegen ihrer Enge zu den SehenswürdigkeitenMarburgs, da sie au ihrer schmalsten Stelle nur drei Meter breit ist.Und doch war diese Gasse bis in den Anfang dieses Jahrhunderts fürden gesamten Handelsverkehr zwischen Bremen, Kassel und Frankfurt dereinzige Verbindungsweg, den alles Fracht- und Postfuhrwerk, sowie alleHeereszüge passieren mußten. Als im Jahre 1807 Napoleon die Viktoriasamt der Quadriga von dem Brandenburger Thor zu Berlin als Sieges-trophäe nach Paris bringen ließ, kam es an den Tag, daß auf derRoute Berlin Paris Marburg in dieser Gaffe ein Unikum besitzt, umdas es freilich von keiner Stadt beneidet werden dürfte. Die Viktoriablieb nämlich mit ihrem Viergespann hier stecken und war schlechterdingsnicht hindurch zu bringen. Nach vielem Messen seitens des damaligenUniversitätsmechanikus gelang es endlich, einen Rück- und Ausweg zuentdecken und so den Zorn der Herrn Franzosen über Marburgs Ver-messenheit, in Bereitung eines solchen Hindernisses, zu besänftigen, dasie durch Niederreißen der Häuser sich sonst Platz machen wollten. Die