29
ruf sich verirrt, aber um wie viel trauriger noch, wenndie Frau des Mannes Gebiet an sich reißt, indem sieihr mangelhaftes Urtheil als Maßstab an Dinge legt,von denen sie nichts versteht.
In unserer aufgeklärten Zeit kann's am Licht nichtfehlen. Es muß deßhalb die Wärme nicht genügendsein, weil unsere sozialen Verhältnisse sich so trostlosgestalten. Sehen wir uns deßhalb nach der Frau um.Doch diese ist selten. Wir finden zumeist buntgcpußteGestalten, mit himmclanstrebender Kopfbedeckung, mithohen Absäßen an den Stiefeln. Wir wollen indeß denKern nicht nach der Schale beurtheilen, sondern einerdieser Damen in ihre Wohnung folgen. Aus dieserschlägt uns kein wärmender Luftzug einladend entgegen.Es ist kalt im Zimmer; dieses wärmt der Roman nicht,der aufgeschlagen auf dem Gesims liegt; dieses machendie Kinder nicht wohnlich, die sich gelangweilt darinherumtreiben. Es ist kalt in der Küche, wo keine Suppebrodelt, wo kein Gemüse in gehörigem Wärmegrad sei-ner Vollendung cntgcgendämpst. Die Würste, welchedie Mutter a^s der Ledertasche zieht, die Breßeln undZwieback, die nachkommen, wärmen nicht, sie nährenblos, und das ist, nach modernem Begriff, die Haupt-sache. Daß Essen und Trinken Leib und Seele zusam-menheilt, steht als bewährtes Sprichwort auch überunserm sehr aufgeklärten Jahrhundert; es wird tüchtigin dieser Beziehung geleimt und dabei helfen Wurstlerund Feinbäcker, Traitcurs und Delikatessenhändler,diese bedeutendsten aller Persönlichkeiten, stehen in denRiß, der die Familie trennt, aber sie füllen denselbennicht aus.
Wir haben uns verirrt, sind einer Dame gefolgt undhaben Damenwirthschaft gesehen. Begleiten wir einmaldas Mädchen, das mit der schweren Tasche am Armeben aus der Schule tritt. Wir folgen ihm durch Win-kel und Gäßchen, endlich durch ein großes Thor in ein