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Deutsches Lesebuch für Lehrerseminarien und andere höhere Schulen der Schweiz / H. Utzinger
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Aus Gottfried KellersHadlaub.

nicht weniger als zwei Dutzend Gesänge seines würdigen Vorfahren,und hier Baron Jakobus von der "Wartburg, rate einmal! sein eigenesJugendbüchlein, das er uns so lange Unterhalten, achtzehn Lieder, ichhabs schon gezählt! Aber auch er will nicht mehr singen.

Wenn ich nicht mehr singen darf, nahm jetzt der Bischof dasWort,so habe ich dafür Buße gebracht, nämlich die Lieder des edlenund ritterlichen Herzogen von Breslau, meines schönen und guten Hein-rich! Leider zugleich mit der Nachricht, daß der Treffliche unverhofftund in jungen Jahren Todes verblichen ist, eine Kunde, die mich tiefbetrübt hat!

Er zog eine kleine Liederrolle aus seinem Gewände, durchmustertesie und fuhr fort:

Hier ist eines der anmutvollsten Lieder, die wir von dem seligenManne haben, könnte uns der wackere Knabe das wohl vortragen?

Er winkte Johannes herbei, gab ihm das Lied zu lesen und unter-richtete ihn in halblauten Tönen rasch in der Weise, die jener baldbegriff. Johannes legte hierauf die vierseitige Geige vor seine Brust undsang das Lied, indem er die Weise eine Terz tiefer dazu spielte und nurjeweilig mit den zwei vorletzten Noten einer Zeile harmonierend ausbog.Es war das Lied:

Dir klag ich, Mai, ich klag dirs, Sommerwonne,

Dir klag ich, leuchtende Heide weit,

Ich klage dirs, o blühender Klee,

Ich klag dir, Wald, ich klag dir, Sonne,

Dir klag ich, Venus, sehnendes Leid,

Daß mir die Liebste tut so weh!

und so weiter, wie von den angerufenen Richtern jeder seine Strafe ver-heißt, der Ankläger aber schließlich seine Klage zurückzieht und liebersterben will, als daß solches Ungemach die Schöne treffe.

Der Gesang war aus der frischen Kehle des frohen unschuldigenJünglings so wohltönend hervorgequollen, daß alle davon ergriffen undgerührt waren, zumal die Nachricht von dem frühen Ende des Dichtersdie Gemüter schon weicher gestimmt hatte. Der Bischof aber bereinigtesofort mit dem Johannes und Herrn Rüdiger, der eifrig hinzutrat, denText, in welchem sich durch-den gesanglichen Vertrag einige offenbareUnrichtigeiten in der Silbenzählung bemerklich gemacht hatten.

Jetzt sprang aber der von Wart auf, der sein eigenes Büchlein vornTisch genommen hatte, und rief:Nur das erste beste von meinenschwachen Gesätzlein möcht ich nochmals von dem Munde dieses Knabenhören. Er zeigte ihm eines der Liedchen, und Johannes spielte und sang:

Voll Schönheit wie der MorgensternIst meine Fraue, der ich gernFür jetzt und immer dienen will!

Wie wenig sie mir Trost gewähre:

Ich wünsche, daß sie Glück und EhreBegleiten an der Freuden Ziel!