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Deutsches Lesebuch für Lehrerseminarien und andere höhere Schulen der Schweiz / H. Utzinger
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Wenn der Herbst kommt.

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treue Hausgenoß; bald auch wird der Wanderruf des Kranichs durchdie Weite des Himmels klingen. Seht dort im letzten Blau die reisigenGeschwader, die langen, ziehenden Linien! Hoch in sonneblitzendenLüften, in Nebel und Nacht geht ihre Fahrt; aber durch Nacht undNebel und Wolken sieht ihr ahnendes Auge jenseits der Meere dasLebensland. Diese wandernden, scheidenden Vogel wer hätte siedenn nicht schon begleitet mit sehnenden Gedanken, und in welcher Seelehätte ihr Ruf nicht einen tieferen Nachhall geweckt! Es sind Herbst-züge, Herbststimmen, Stimmen schon wie von einer andern Erde herab,

Und das Herz der MenschenbrustIst dem Kranich gleichgeartet,

Und ihm ist das Land bewußt,

Wo der Frühling seiner wartet.

Wohl ist die Lerche noch da, aber sie liegt in der Ackerfurchegesanglos; zwischen den Stoppeln spiegelt still das Rebhuhn am Sonnen-schein die bunten Federn, wachsam die Augen nach allen Seiten schickend.Nur der Zug der Stare lärmt und schwärmt über Wiesen und Teiche,und die Schwalbenhalten Schule auf den Dächern hin und her, heraufund hinab, bankweise, reihenweise; aber es gilt auch bei ihnen denAbzug, und seltener wird ihr fröhliches Zwitschern gehört. Haben sieuns erst verlassen, dann ists voller Herbst und dann zieht statt desleichten Federspiels nur der Papierdrache durch die Luft, abenteuerlichplump wie irgend ein Meermonstrum, eine fabelhafte Herbstmaske. Dastut die Jugend, die noch des Herbstes spotten darf.

Inzwischen grünt im Feld noch immer Pfad und Rain. Da stehtnoch die Wegwarte, einst war sie eine Dirne, die nächtlich und täglichdes davongezogenen Buhlen harrte; nun ist sie verwandelt und schautallezeit an Straßen und Stegen aus; da blüht die rosige, scbarfbestachelteHauhechel, die heilkräftige Dolde der Achillea (Garbe) und das Rainfarrn;hin und wieder glimmt noch eine Mohnblume oder ein Rittersporn, indesim Garten Georgine und Malve sonnenfreudig in den Herbst hineinglühen.Wo aus nachwüchsigem Klee ein Blütenkopf blickt, taumelt ein Argusum den Duft; der Siebenpunkt schaukelt sich am Halm, und lauter alsselbst im Sommer zirpt die Grille. Auch im leeren Kornfeld ists nichtleer. Es regt und bewegt sich immer noch manches Tierleben. Derarme Hase sucht ein sicheres Lager; die Feldmaus hüpft umher samtdem Erdfröschchen, dem kein Storch mehr drohet; der Freibeuter Sperlingschwirrt von Breite zu Breite. Der Kreatur ist noch überall der volleTisch gedeckt. Und daß am frischtreibenden Herzblatt der Feldblumeauch schon wieder ein welkes hängt, und daß in der Nacht wohl einfrüher Frost den Schmetterling erhäscht wer mag es denn sehen?

Mit Glanz und Liebt ist alles überschwemmt. Silbern ziehen, gleichTraumgebilden der Luftseele selber, die Herbstfäden durchs Blau, undwie Milch fließt linde Wärme um Stamm und Halm und Stein. Sieweckt auf der Wiese ein neues Grün. Blaue Scabiosen, rote Centaureen

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Utzinger, Lesebuch für Seminarien, II. Band.