Die Geschichte der deutschen Dichtung, aus der Vogelschau.
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Ziel erwacht, unvergänglich wie der göttliche Funke, der in seine Brustgelegt ist, und stets dessen redendes Zeugnis.
Aus ihren Ursitzen am Fuße des asiatischen Himalajagebirges brachendie Germanen nach Westen auf und siedelten sich nach langen Wander-ungen und Yölkerkämpfen in dem mittleren Europa an. Sie waren einurkräftiger Volksstamm, dessen Eintritt in die Reihe der geschichtlichenVölker von Zeugnissen hohen Ruhmes begleitet ist. Länge Jahre wider-standen sie mit natürlicher Tapferkeit den Angriffen der in allen Künstendes Krieges erfahrenen, aber sittlich verdorbenen und in sich selbst zer-fallenden Römer. Und ein Römer selbst, Tacitus, der erste Geschicht-schreiber, welcher die Sitten und Zustände der Germanen aufzeichnete,rühmt seinen Landsleuten die edle Sitte dieses Volkes, sein sinnvollesRecht, und die Tiefe seines Gemütes. Voll ursprünglichen Naturgefühlesempfanden die Germanen im Geriesel der Quellen, im Rauschen derWälder und im Brausen des Sturmes die Nähe göttlicher Wesen undbrachten ihnen in heiligen Hainen, an heiligen Seen ihre Verehrung dar.Und die Grundsätze in Recht und Sitte brachten sie in geheiligte For-meln ihrer sinnlich kräftigen, reich und voll tönenden Sprache; und dasWalten der Götter, und die Taten der Helden feierten sie in Gesängen,die von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht verpflanzt wurden.Und diese festzuhalten, im eigenen Leben immerfort neue Gestalt ge-winnen zu lassen und den Nachkommen zu überliefern, darin bestand dieBildung und der Ruhm eines jeden Freien.
Aufbewahrt ist uns von jenen alten Volksgesängen nur dieKunde von ihrem Inhalte. Sie schilderten Riesen- und Drachenkämpfeund das Leben der Tiere, die der Jäger zu bestehen hatte, wenn erdurch die dunklen Tiefen und die sonnigen Halden des Urwaldes streifte:des grimmigen Bären, des gefräßigen grauen Wolfes auf grüner Heide,und des rötlichen Schleichers am Waldsaume. Und darin spiegelten sichdie alten Kulturzustände des Volkes, das sich den neu betretenen Bodender künftigen Heimat erst mühsam von der rauhen Wildnis und ihrenmenschenfeindlichen Bewohnern erkämpfen mußte. Sie feierten den GottThuisko, den Erdgebornen, und dessen Sohn Mannus, als die Stamm-götter des Volkes; von andern Göttern vornehmlich Wuotan, Donar undZiu — und verherrlichten die gewaltigen Herrscher und Siegeshelden,Armin, den Sieger der großen Römerschlacht im Teutoburger Walde,Etzel (Attila), die furchtbare „Gottesgeißel“, und Dietrich (Theodorich),den mächtigen König der Ostgoten. Und darin spiegelten sich die rie-sigen Kämpfe und Heldentaten, unter denen vorn zweiten bis zumsechsten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung die ungeheuren Völker-bewegungen stattfanden, welche die Geschichte unter dem Namen dergroßen Völkerwanderung zusammenfaßt.
Zu der Zeit aber, als der Strom der Völkerbewegungen sich vonNorden und Osten nach Süden und Westen wälzte, zog ihnen auch schondie neue Lehre des Christentums entgegen. Mit mächtiger Stimme ward