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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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Auch diesen hinauf geht es anfangs ziemlich gut; es sind noch große,festliegende Steine da, auf welche man beim Steigen treten kann; sobald man aber höher kommt, wird der Weg durch das Geröll und Ge-bröckel kleiner verbrannter Steine und durch die rotbraune Erdascheaußerordentlich beschwerlich. Bei jedem Schritte aufwärts sinkt manwiederum einen halben Schritt zurück. Hie und da ist der Boden sehrheiß, und ein weißer Rauch qualmt manchmal unter den Steinen hervor.Nach einer halben Stunde ist die beschwerliche Besteigung des Kegelsvollendet, wir stehen glücklich oben am Rande des Kraters.

Der Krater des Vesuvs ist ein ungeheurer, rundlicher Kessel, dessenRand umher 915 Meter hoch ist und aus verbranntem Gestein undAsche besteht. Um den ganzen Krater kann man mit großer Vorsichtauf dem schmalen Rande, der ihn umgiebt, herumgehen, wozu etwa eineStunde erforderlich ist. Daß sich seine Gestalt bei heftigen Ausbrüchenimmer verändert, ist bekannt. In der Mitte des ungeheuren Kesselsliegt der eigentliche Fenerschlund. Man sieht da einen kleinen Kegel, der7 8 Meter hoch zu sein scheint und durch das Gestein und die Asche,die der Vulkan immer auswirft, gebildet wird. Auf dem Gipfel diesesKegels ist eine Öffnung, aus welcher ein weißer, schwefelgelblich schim-mernder, dichter Dampf aufwallt. Am Fuße dieses kleinen Kraters be-merkt man an verschiedenen Stellen, deren Zahl sich vermehrt, sobaldes dunkel wird, das Feuer der Erde. Wie düsterrote Kohlenglut siehtman hier das Gestein des Berges brennen; zwischen dem Feuer hinziehen sich Lagen der schwarzen, mit gelbem Schwefel überzogenen Erde.Unter unseren Füßen brüllt der Donner der Erde. Ein Atemzug derStille, und der dichte graue Dampf, der über der Öffnung des kleinenKegels schwebt, rötet sich, rötet sich heißer, glühender, brennender. Einbreiter Flammenstrahl fährt sausend, zischend, rollend empor; ein Haufenheißer Steine und Asche steigt funkelnd über das Feuer hinaus in dieNacht und fällt rings auf den kleinen Kegel nieder, wo die Feuerbälleverdampfen und langsam erkalten. In Zwischenräumen von etwa zehnMinuten wiederholt sich immer dasselbe Schauspiel.

Bis zum Jahr 79 n. Chr. wußte man nichts davon, daß der Vesuvein Vulkan sei, keine Kunde von irgend einem Ausbruche desselben warvorhanden. Sein Abhang war mit fruchtbaren Feldern bedeckt, und anseinem Fuße blühten die Städte Herculanum, Pompeji und Stabiä.Aber im Jahre 79 n. Chr., unter der Regierung von Titus, hatte derVesuv den ersten geschichtlich bekannten Ausbruch, über welchen uns einrömischer Schriftsteller folgenden Bericht hinterlassen hat:

Man meldete meinem Oheim Plinins, dem Befehlshaber der Flottevon Misenum, es erscheine in den Lüften eine Wolke von ungeheurerGröße und auffallender Art. Er bestieg eine Anhöhe, um die Erscheinungbesser beobachten zu können. Die Wolke erhob sich über dem Vesuv ähnlicheiner Pinie; denn sie streckte sich wie ein langer Stamm in die Höhe