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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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Erdboden hin und her. Eine furchtbare, schwarze Wolke leuchtete oftvon Flammen, welche Blitzen glichen. Bald darauf schien sich die Wolkezu senken und das ganze Meer zu bedecken, und wirklich entzog sie dienächstgelegenen Punkte unseren Blicken. Aschenregen begann auf unsherabzufallen, und als ich mich umwandte, bemerkte ich hinter uns einendicken Rauch, der wie ein reißender Strom dahinrollte. Wir wichen vonder Straße auf die Felder aus, um nicht im Gewühl erdrückt zu werden;aber kaum hatten wir das gethan, so umgab uns eine Finsternis, dienicht mit der einer mondlosen Nacht im Freien, sondern nur mit der ineinem verschlossenen Zimmer ohne Licht verglichen werden kann. Manhörte nichts als das Geschrei von Kindern, das Jammern von Weibernund das Rufen von Männern; die meisten glaubten, die letzte und ewigeNacht sei gekommen. Nach langer Zeit erschien ein glimmendes Licht,das aber nur der Vorbote eines neuen Flammenausbruchs war; bald be-deckte uns ein schwerer Schauer von Aschenregen, den wir von Zeit zuZeit abschütteln mußten, um nicht von ihm erdrückt und begraben zuwerden. Endlich, endlich erschien die Sonne wieder, aber blaß wie beieiner Sonnenfinsternis: alles umher war mit Asche wie mit einen: tiefenSchnee bedeckt. Drei der blühendsten und reichsten Städte Kampaniens:Herculanum, Pompeji und Stabiä, wurden an diesem Tage mit allem,was darin lebte und webte, durch einen Lavastrom und Aschenregen sotief (1728 Meter) verschüttet, daß man ihre Stätte nicht mehr sahund später die Städte Portici und Resina darauf erbaute.

Da geschah es, daß im Jahre 1720 ein Bauer in jener Gegendeinen Brunnen graben wollte. Und siehe, er grub drei schöne weiblicheStatuen heraus. Später forschte man weiter, und wer malt dasErstaunen! man grub ein Theater, eine Straße mit ihren Häusernheraus. Kurz, man überzeugte sich, daß man in dem vor 1800 Jahrenverschütteten Herculanum sich befinde. Später grub mau auch nach demalten Pompeji, das ebenfalls gefunden wurde. In einer unterirdischenStadt kann man da umhergehen. Alles liegt noch so da, wie es vor1800 Jahren gewesen, und eine recht anschauliche Vorstellung von demLeben der alten heidnischen Römer läßt sich hier gewinnen. Da sieht mannoch Stühle und Tische, Lampen, Messer, Flaschen, Ringe, Schlüsselu. dgl. herumliegen. Die Malerei an den Zimmerwänden ist noch sofrisch, als wenn der Maler eben erst davon gegangen wäre. Im Theaterund auf einer Villa fand man einen außerordentlichen Schatz von kostbarenStatuen von Marmor und Erz und in einem Zimmer eine Bibliothekvon 1700 Papyrusrollen; sie waren alle verkohlt. Über den Hausthürenstehen noch hie und da Inschriften und in den Krämerbuden die Ladentische.Die Straßen sind enge, die Häuser niedrig. Ihr Äußeres ist einfach,das Innere desto prachtvoller. Die Fußböden sind mehr oder wenigermit künstlichem Mosaik (das sind aus farbigen Steinchen zusammengesetzteBilder) ausgelegt. Die Wände sind mit prächtigen Gemälden verziert,