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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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130
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2. Und rings erfüllte den hohen Balkon daS Volk in freud'gem Gedränge;laut mischte sich in der Posaunen Ton das jauchzende Rufe» der Menge:

Denn geendigt nach langem, verderblichem Streit

war die kaiserlose, die schreckliche Zeit,

und ein Richter war wieder auf Erden; nicht blind mehr wallet der eiserne Speer,nicht fürchtet der Schwache, der Friedliche mehr, des Mächtigen Beute zu werden.

3. Und der Kaiser ergreift den goldnen Pokal und spricht mit zufriedenen Blicken:Wohl glänzet das Fest, wohl pranget das Mahl, mein königlich Herz zu entzücken;doch den Sänger vermisst ich, den Bringer der Lust,

der mit süßem Klang mir bewege die Brust

und mit göttlich erhabenen Lehren. So hab ich's gehalten von Jngend an,und was ich als Ritter gepflegt und gethan, nicht will ich's als Kaiser entbehren."

4. Und sieh! in der Fürsten umgebenden Kreis trat der Sänger im langenihm glänzte die Locke silberweiß, gebleicht von der Fülle der Jahre. sTalare;Süßer Wohllaut schläft in der Saiten Gold,

der Sänger singt von der Minne Sold,

er preiset das Höchste, das Beste, was das Herz sich wünscht, was der Sinn be-dach sage, was ist des Kaisers wert an seinem herrlichsten Feste?" jgehrt;

5.Mcht gebieten werd' ich dem Sänger", spricht der Herrscher mit lächelndemer steht in des größeren Herren Pflicht, er gehorcht der gebietenden Stunde. Munde,Wie in den Lüften der Sturmwind saust,

man weiß nicht von wannen er kommt und braust,

wie der Quell aus verborgenen Tiefen, so des Sängers Lied aus dem Innern schalltund wecket der dunkeln Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar schliefen."

6. Und der Sänger rasch in die Saiten fällt und beginnt sie mächtig zu schlagen:Aufs Waidwerk hinaus ritt ein edler Held, den flüchtigen Gemsbock zu jagen.Ihm folgte der Knapp mit dem Jägergeschoß;

und als er auf seinem stattlichen Roß

in eine An kommt geritten, ein Glöcklein hört er erklingen fern:

ein Priester war's mit dem Leib des Herrn, voran kam der Mesner geschritten.

7. Und der Gras zur Erde sich neiget hin, das Haupt mit Demut entblößet,zu verehren mit gläubigem Christensinn, was alle Menschen erlöset.

Ein Büchlein aber rauschte Lurchs Feld,von des Gießbachs reißenden Fluten geschwellt,

das hemmte der Wanderer Tritte; und beiseit legt jener das Sakrament,

von den Füßen zieht er die Schuhe behend, damit er das Büchlein durchschritte.

8. ,Ullas schaffst du?' redet der Graf ihn an, der ihn verwundert betrachtet.,Herr, ich walle zu einem sterbenden Mann, der nach der Himmelskost schmachtet;und da ich mich nahe des Baches Steg,

da hat ihn der strömende Gießbach hinweg

im Strudel der Wellen gerissen. Drum daß dem Lechzenden werde sein Heil,so will ich das Wässerlcin jetzt in Eil' durchwaten mit nackenden Füßen.'