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in die Stadt; denn dort stehet es sehr übel". Luther aber sprach: „Undsollten zu Worms so viel Teufel sein, als Ziegel auf den Dächern,doch wollt' ich hinein". Unter gewaltigem Zulaufe des Volkes zog erdann in die Stadt; eine Menge von Reitern, die ihn eingeholt hatten,begleiteten seinen Wagen, und mehr denn 2000 Menschen drängtenihm nach bis in die Herberge. Dort wurde er von vielen Grafen,Rittern und Herren bis spät in die Nacht besucht und angesprochen.Es kam auch der junge Landgraf Philipp von Hessen zu ihm, gabihm die Hand und sagte: „Habt Ihr recht, Herr Doktor, so helfeEuch Gott!"
Am folgenden Tage, 17. April 1521, ward Luther vor die Reichs-versammlung beschicken. Als er durch den Vorhof kam, wo mehrereRitter standen, klopfte ihm ein alter, berühmter Kriegsheld treuherzigauf die Schulter und sprach: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst jetzteinen Gang, dergleichen ich und mancher Oberster auch in der aller-ernstesten Schlacht nicht gethan haben. Bist du auf rechter Meinung,und deiner Sache gewiß, so fahre in Gottes Namen nur fort und seigetrost, Gott wird dich nicht verlassen". Jetzt öffneten sich die Saal-thüren und Luther trat ein. Da stand er vor dem großen Kaiser undder ganzen edlen Versammlung der Kurfürsten, Herzöge, Grafen undBischöfe des deutschen Reiches. Aller Augen schauten auf ihn. Manzeigte ihm die Bücher vor, die er geschrieben, und fragte ihn, ob er-ste für die seinigen erkenne und ob er sie widerrufen wolle. Die ersteFrage bejahte er; wegen der zweiten bat er, weil sie den Glauben unddie Seligkeit beträfe und es vermeßlich wäre, etwas Unbedachtes zuerklären, um kurze Bedenkzeit.
Am andern Tag wurde Luther wieder vorgerufen. Es war schonAbends 6 Uhr, und die Fackeln brannten bereits im Saale. Gefragt,ob er widerrufen wolle, hob er freimütig an zu reden und unterschieddrei Gruppen seiner Bücher: in einigen habe er vom christlichen Glaubenund guten Werken so einfältig und christlich gehandelt, daß auch seineGegner bekennen müßten, sie seien nützlich und wert, von christlichenHerzen gelesen zu werden. Wenn er die widerriefe, würde er die Wahr-heit selbst verdammen. Andere seiner Schriften seien gegen das Papst-tum und seine Anhänger gerichtet, die mit ihren bösen Lehren undBeispielen die Christenheit an Leib und Seele verwüstet hätten; wenner diese widerriefe, würde er dadurch unchristlichem Wesen Thür und