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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
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Nach solchen Worten fragte er:Wo habt ihr vormals studiert?"Antwort:Zu Basel". Sagte er:Wie steht es zu Basel? Ist Eras-mus noch daselbst, und was thut er?"Bietn Herr", sprechen wir,wir wissen nicht anders, als es stehe wohl. So ist auch Erasmus nochda; was er aber thut, ist jedermann unbekannt und verborgen, da ersich gar still und heimlich hält". Nach diesen Worten und seinen gelehrtenReden wollt' uns bedünken, er wäre eine andere Person als ein ge-meiner Reiter.

Lieber", fragte er uns,was hält man im Schweizerland vondem Luther?"Mein Herr, es sind wie allenthalben verschiedene Mei-nungen. Etliche können ihn nicht genugsam erheben und Gott danken,daß er seine Wahrheit durch ihn geoffenbaret und die Irrtümer zu er-kennen gegeben hat; etliche aber verdammen ihn als einen unleidlichenKetzer, zumal die Geistlichen^" Sprach er:Ich denke mir's wohl, essind die Pfaffen". Unter solchem Gespräch ward es uns gar heim-lich, so daß mein Gesell das Büchlein, das vor ihm lag, zur Hand nahmund aufschlug. Es war ein hebräischer Psalter. Da legte er es schnellwieder hin und der Reiter nahm es zu sich. Deshalb nahm es unsnoch mehr wunder, wer er doch sein möchte, und sprach mein Gesell:Ich wollte einen Finger von der Hand hergeben, daß ich diese Spracheverstünde". Antwortete er:Ihr mögt sie wohl erfassen, wenn ihranders wollt Fleiß anwenden. Auch ich begehre sie weiter zu erlernenund übe mich täglich darin".

Unterdessen ging der Tag ganz hinunter, und es war sehr dunkel.Der Wirt käm an den Tisch und merkte unser hoch Verlangen und Be-gehr nach dem Luther. Nach einer kleinen Weile rief mich der Wirtvor die Stubenthüre. Ich erschrak und bedachte mich, was ich wohlverunschickt haben sollte. Da sprach er zu mir:Dieweil ich erkenne,daß ihr den Luther in Treuen zu hören und sehen begehret, so wisse:der ist's, der bei euch sitzet. Doch thu nicht dergleichen, als ob du ihndafür haltest". Ich ließ dem Wirt recht, konnte es aber nicht glauben.Ich ging wieder in die Stube, setzte mich an den Tisch und rauntemeinem Gesellen zu:Der Wirt hat mir gesagt, der sei der Luther!"Er wollt' es auch, wie ich, nicht recht glauben und sprach:Er hatvielleicht gesagt, er sei der Hütten, und du hast ihn nicht recht ver-standen". Dieweil mich nun die ritterliche Kleidung und Geberde mehran den Hütten denn an den Luther, als einen Mönch, gemahnten, ließich mich bereden, er hätte gesprochen, es sei Hütten, da die Anfängebeider Namen fast zusammenklingen. Was ich deshalb fürhin redete,geschah so, als ob ich mit Herrn Ulrich von Hütten spräche.

Mittlerweile kamen zwei Kaufleute, die auch allda über Nacht bleibenwollten, und nachdem sie sich entkleidet und entspornt, legte einer nebensich ein nengebnnden Büchlein. Fragte Martinus, was es für ein Buchwäre. Er sprach:Es ist Dr. Luthers Auslegung einiger Evangelien