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„Allein ich sinke nicht vergebens,wenn sie mein letzter Ruf belehrt;ein ganzes Schiff voll jungen Lebensist wohl ein altes Leben wert!
Gieb mir das Sprachrohr! Schifflein eile!Es ist die letzte, höchste Not!"
Vor fliegendem Sturme, gleich dem Pfeile,hin durch die Schären eilt das Boot.
Jetzt schießt es aus dem Klippenrande;
„Links müßt ihr steuern!" hallt ein Schrei. —Kiel oben treibt das Boot zu Lande,und sicher fährt die Brigg vorbei.
LSI. Das brave Mütterchen.
Karl Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder rc.
^ös War im Winter, und das Eis stand. Da beschlossen dieHusumer, auf der gefrornen See zwischen den Halligen und dem Fest-land ein großes Fest zu feiern. Sie schlugen Zelte auf, und alt undjung, die ganze Stadt versammelte sich draußen. Die einen liefenSchlittschuh, die andern fuhren in Schlitten, in den Zelten erschollMusik, und Tänzer und Tänzerinnen schwenkten sich herum, und dieAlten saßen an den Tischen und tranken eins. So verging der ganzeTag, und der helle Mond ging aus; aber der Jubel schien nun erstrecht anzufangen.
Nur ein altes Mütterchen war von allen Leuten allein in derStadt geblieben. Sie war krank und gebrechlich und konnte ihre Füßenicht mehr gebrauchen; aber da ihr Häuschen auf dem Deiche stand,konnte sie von ihrem Bette aus aufs Eis hinaus sehen und die Freudesich betrachten. Wie es nun gegen den Abend kam, da gewahrte sie,indem sie so auf die See hinaussah, im Westen ein kleines, weißes Wölk-chen, das eben am Horizonte aufstieg. Gleich befiel sie eine unendlicheAngst; sie war in früheren Tagen mit ihrem Manne zur See gewesenund verstand sich Wohl auf Wind und Wetter. Sie rechnete nach: Ineiner kleinen Stunde wird die Flut da sein, dann ein. Sturm los-brechen, und alle sind verloren. Da rief und jammerte sie, so laut siekonnte; aber niemand war in ihrem Hause, und die Nachbarn warenalle auf dem Eise; niemand hörte sie. Immer größer ward unterdesdie Wolke und allmählich immer schwärzer; noch einige Minuten, unddie Flut mußte da sein, der Sturm losbrechen.
Da rafft sie all ihr bischen Kraft zusammen und kriecht aufHänden und Füßen aus dem Bette zum Ofen: glücklich findet sie nocheinen Brand, schleudert ihn in das Stroh ihres Bettes und kriecht, so