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Schweizerischer Jugendfreund : illustriertes Lesebuch für die Oberstufe der Volksschule
Entstehung
Seite
407
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„Sagen Sie mir aufrichtig, sind das alles Vorboten einer wirklichenSchlacht?" — „Ja, es giebt heute einen schweren Tag." — Nun istkein Zweifel mehr; die Gewitterwolken reißen; Gottes Hand ist aus-gereckt, drohend, furchtbar über unsere Heimat, über unser Vaterland.Ach, wie klopft das Herz so bang, so bang! Wo wollen wir hin? Wirhaben ja noch gar nichts versteckt! Da stehen wir noch alle bei einander,ganz verstört, wie gebannt, und jammern und stöhnen und wollen allesverstecken — und kommt doch keins von der Stelle und bleibt alles stehenund liegen, und die Preußen sind schon da unten im Thal und — horch!es schießt schon wieder. Wollen wir in den Keller gehen? oder in denStall? oder auf den Speicher? 's wird einem ganz schwarz vor denAugen! — „Mußt jetzt nicht heulen um deine Sachen, 's ist zu spät,laß in Gottes Namen alles liegen" . . . oder flüchten nach Nähweiler,Jägerthal, so weit uns die Beine tragen? — „Ja, wenn aber unterwegsein Unglück geschieht, die armen Kinder können nicht laufen. Wir kommenauch nicht mehr durch". — In der Stube können wir unmöglich bleiben.„Weißt was? Du nimmst die Kinder und gehst ins Schloß zur FrauGräfin; die wird dir sagen, was du thun sollst. Ich bleibe da in GottesNamen, so lang es möglich ist, und komme dann auch hinüber."

Es ist 7 Uhr vorbei. Doktor Sarasin kommt wieder. „Was giebt's?"„Es giebt einen blutigen Tag." — Er wendet sich gegen die jungenStabsärzte: „Auf, Kinder, kommt und haltet euch, als fielen keine Gra-naten!" Und dann zu mir: „Herr Pfarrer, wir müssen die Kirche haben,schnell alle Bänke aus der Kirche — und Stroh in Menge, so viel dieLeute zusammentragen können." Ich gehe mit ihm; die Kirchenbänkewerden eiligst herausgeschafft, das Schiff der Kirche wird reichlich mitStroh versehen, und gleich darauf geschieht dasselbe auch im Schulhaus.Alles ist außer Rand und Band. Die Soldaten ziehen kreuz und querdurch die Gassen; die Turkos sammeln sich, erheben ihr greuliches Kriegs-geschrei und stürmen hinaus in den Kampf. Ich gehe auch wiederheraus auf die Straße. Da ist der Marschall Mac Mahon und derganze Generalstab: alle zu Pferde in prächtiger Rüstung, so ernst, sofeierlich, so totenbleich! Herr Gott, welch großer, unvergeßlicher Augen-blick! — Sie sprechen zusammen, unruhig, bedeutungsvoll, sie erteilenBefehle, sausen im Galopp die Gasse hinauf, kommen wieder — gegenWörth hinab, gegen Elsaßhansen hinüber. Jetzt ist auch der Marschallverschwunden. Fahre wohl, o Held von Magenta, du trägst auf derDegcnspitze das Schicksal deines Kaisers! General Ducrot aber undseine Stabsoffiziere sind noch da geblieben. Er fragt kurz und trotzig,ob ihn jemand auf den Kirchturm begleiten wolle. Wir steigen hinauf,wir schauen in die Ferne, überblicken den ganzen Horizont; die Herzenschlagen bange — dort drüben, auf dem Scheitel jener Hügel, stehendie dunkeln Massen. Ja siehe, siehe! sie bewegen sich wie Meereswellen,langsam vorwärts, abwärts — es kracht schon wieder, es wird einem