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16. Und rings statt duft'ger Gärten ein ödes Heideland,
kein Baum verstreuet Schatten, kein Quell durchdringt den Sand,des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch:
Versunken und vergessen! Das ist des Sängers Fluch.
2S7. Alexander Boucher und sein armer Kollege
W. O. von Horn. Silberblicke. (Gekürzt.)
^.n einem schönen Sommertage war im Prater zu Wien eingroßes Volksfest. Ganz Wien zog hinaus in die schönen Anlagen,unter die großen, herrlichen Bäume, die so erquickenden Schatten boten,auf den frischgrünen Rasen, der so lieblich zum Sitzen und Lagerneinlud, und zu den Eß- und Trinkzelten, die der Wiener so absonderlichlieb hat. Vornehm und Gering, Jung und Alt freute sich dort desschönen Tages und vergaß das Bündel Sorgen, das jeder init sichherumschleppt.
Wo viele fröhliche Menschen sind, da hat auch der etwas zu hoffen,der auf die Barmherzigkeit seiner glücklicheren Mitmenschen angewiesenist. So sammelte sich denn hier eine große Zahl Krüppel und Bettler,um von den vielen Fröhlichen mit Gaben bedacht zu werden. Unterihnen war auch ein alter Invalide, dessen kärgliche Pension zum Lebens-unterhalte nicht ausreichte. Geradezu betteln mochte er nicht, er griffvielmehr zu einer Kunst, die er in seinen jungen Jahren geübt, nämlichzum Violinspiel, und trieb diese Kunst, so gut und so schlecht, als eres eben konnte. Er mochte wohl denken: Geben sie dir nichts für deinSpiel, so sehen sie doch deinen eisgrauen Kopf, deinen Stelzfuß unddeinen geflickten Rock an.
Der Invalide saß gewöhnlich unter einem breitästigen Ahornbaumean dem Wege, auf welchem die meisten Leute vorbeikamen, und spieltesein Stücklein. Seinen alten Pudel hatte er dazu abgerichtet, daß ervor ihm saß und den alten Hut an der Krempe im Maule hielt, inden die Leute ein Kreuzerlein hineinwarfen — oder auch nicht. —Heute stand er auch da und fiedelte aus Leibeskräften, und der Pudelhielt den alten Hut hin. Aber die lustigen Leute plauderten und lachtenund gingen vorüber, und der Hut blieb — leer. Hätten sie nur ein-mal einen Blick auf den armen Alten geworfen, sie hätten in seinentraurigen Zügen gelesen, daß er für das letzte, was er hatte, neueSaiten auf seine Geige gekauft und daß ihm nichts mehr geblieben,