Aus dem Sagenschatz
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sterblichen nicht unähnlich, wieder den Saal, setzte sich aus denverlassenen Sessel, seiner Gemahlin gegenüber und begann:„Wunderliche Frau, ist denn dein Herz wirklich so hart undgefühllos? Nach zwanzigjähriger Trennung hast du keinen an-dern Empfang für deinen Gemahl? Nun denn, Mütterchen,wackere Euryklea, so bereite mir hier ein Bett, daß ich michallein zur Ruhe begebe."
Da sprach die kluge Penelope mit stockender Stimme: „Ichweiß noch recht gut, wie du aussahst, als du nach Troja hin-wegfuhrst; mich hält weder Stolz noch Verachtung zurück. Aberwohlan, Euryklea, schiebe die Bettstelle, die er selber gezimmerthat, hierher aus dem innern Gemach und breite darüber weicheFelle und prächtige Decken!" So sprach sie, um den Gemahlzu versuchen; er aber erwiderte unwillig: „O Frau, dies Worthat mich in der Seele verwundet. Das Bett, das ich uns zumLager gezimmert habe, kann kein Sterblicher von der Stellerücken. Denn ein Geheimnis ist dabei: als ich diesen Palasterbauen ließ, da stand mitten aus dem Platze ein schlanker,schattiger Oelbaum, der heilige Baum der Athene. Den ließich stehen und richtete es so ein, daß er innerhalb unseres Schlaf-gemachs zu stehen kam. Mit scharfer Säge schnitt ich ihn einStück über dem Boden ab, glättete den Stumpf kunstvoll undschön und schnitzte ihn zum Fuß eines Bettes zurecht; dannfügte ich Bretter daran und erbaute ein prächtiges Bett mitGold und Silber, Elfenbein und Purpurriemen geschmückt. Alldieser Wahrzeichen erinnere ich mich genau; ob es aber nochso ist, weiß ich nicht. Vielleicht, daß jemand mein künstlichesWerk mit rohen Händen zerstört hat."
Als Penelope ihn so reden hörte, zitterten ihr Herz undKnie; Tränen entstürzten ihren Augen, sie erhob sich schnell,lief mit ausgebreiteten Armen zu ihm, fiel ihm um den Hals,küßte ihn wieder und immer wieder und rief: „Zürne mir nicht,Odysseus! Du warst ja immer ein guter, verständiger Mann.Sei mir nicht gram, Geliebter, daß ich dich nicht gleich beimersten Blicke willkommen hieß! Sieh, mir bangte immer imHerzen, es möchte ein anderer kommen und sich für dich aus-geben ; denn wunderbar gleichen sich oft die Menschen, und esgibt so viel schlaue Betrüger. Jetzt, da du mir die sichern Wahr-zeichen genannt hast, die außer dir und mir niemand weiß,jetzt ist mein Herz besiegt und aller Zweifel verschwunden."Da schwoll auch dem Helden das Herz vor heißer Wehmut,und weinend hielten sich die treuen Gatten umschlungen. So