Buch 
Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirk. der kant. Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott / 6.-8. Schuljahr, 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule
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geister neu erregt; seine Augen werden wacker, und wie von unsicht-baren Banden gezogen, trabt er fürbaß. And wahrlich, da liegt einzweites Stück I Reineke steht still, Überraschung und Argwohn in denZügen. Wer ist der unbekannte Spender? Er umschleicht auf scheuenSohlen die Stelle, steht wieder still, legt sich, horcht, wirft die Augenspähend umher, springt wieder auf, um wieder niederzukauern. Nirgendsein Laut, nur die alten Föhren knarren; nirgends eine Spur, als dieflüchtigen Zeichen, die des Windes Finger in den Schnee geschrieben.Er betrachtet den Bissen noch einmal. Wäre es eine Falle? DieMenschenkinder sind voll Args I Schon mancher Edle fiel durch ihreList! Aber nein hinweg mit solchen Gedanken! And im Nu istauch der zweite Brocken hinab.

O Reineke, Reineke, du bist verloren denn dort liegt noch eindritter Bissen. Stier blickt er hin auf die Lockung. Doch der innereWarner erhebt seine Stimme noch einmal, und wieder umkreist der Fuchsdas leckere Mahl; wieder legt er sich, duckt die Ohren vorwärts, rückwärts,spitzt sie. And wieder ist alles stumm; nur die Föhren knarren nochimmer unverdrossen. Der Fuchs fängt an zu klügeln; aber je längerer hinschaut auf den Bissen, desto wirrer wird sein Blick. Es flimmertihm vor den Augen; der Duft betäubt ihn; er kann nicht los, er muß und gält' es sein Leben er muß hinzu. In einem wilden Satzespringt er darauf los da, krach! schlägt das Eisen die zerschmet-ternden Zähne zusammen.

So war der Schlaue doch nicht schlau genug I Er heult vor Wut.Aber es ist nicht Zeit zur Klage; denn Gefahr droht im Verzüge. Esgilt eine kühne Tat: er beißt sich den zerschmetterten Fuß ab und eiltvon dannen. Hermann Masius.

19. Das wohlfeile Mittagessen.

Es ist ein altes Sprichwort: Wer andern eine Grube gräbt, fälltselbst darein. Aber der Löwenwirt in einem gewissen Städtlein warschon vorher darin. Zu diesem kam ein wohlgekleideter Gast. Kurzund trotzig verlangte er für s e i n Geld eine gute Fleischbrühe. Hieraufforderte er ein Stück Rindfleisch und ein Gemüse für sein Geld. DerWirt fragte ganz höflich, ob ihm nicht auch ein Glas Wein beliebe.0, freilich ja! erwiderte der Gast, wenn ich etwas Gutes haben kannfür mein Geld. Nachdem er sich alles hatte wohl schmecken lassen,zog er einen abgeschliffenen Sechser aus der Tasche und sagte: Hier,Herr Wirt, ist mein Geld. Der Wirt sagte: Was soll das heißen?Seid Ihr mir nicht einen Taler schuldig? Der Gast erwiderte: Ichhabe für keinen Taler Speise von Euch verlangt, sondern für mein