Buch 
Lesebuch für die Gemeinde- und Fortbildungsschulen des Kantons Aargau / im Auftr. des Erziehungsrates des Kantons Aargau unter Mitwirk. der kant. Lesebuchkommission verf. von Alfred Lüscher und Otto Ott / 6.-8. Schuljahr, 6.-8. Klasse der Gemeindeschule und 1.-3. Klasse der Fortbildungsschule
Entstehung
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Die Stationen spinnen sich langsam ab, die Entfernungen scheinenmit der Ermüdung zu wachsen.

Unaussprechliche Schlafsucht beschleicht die Männer. Ja,gleich, Frau! ruft der Heizer Gärtner plötzlich in die Schneesturm-nacht hinaus er hatte stehend genickt und geträumt, er sei daheimbei seinem armen kranken Weibe.

Gärtner! Gärtner! fährt ihn der Führer an, dem es selbst voreiner Minute war, als verwandelte sich das Heulen des Nordost indas Stiftungslied des Gesangvereins zu Lindenstedt, dessen eifrigesMitglied er ist.

Und die Männer reißen die müden, entzündeten Augen auf, ent-setzt über die empfundenen gefährlichen Anwandlungen, die sich den-noch unwiderstehlich wiederholen. Gottlob, es ist bald vorüber! nocheine halbe Stunde.

Vorwärts! Vorwärts!

Alter Greif, sagte Zimmermann zu seiner Maschine, die, dick be-eist, mit einer Schneekruste bedeckt, mit verschlacktem Roste schwererund schwerer ihre Pflicht erfüllte, wir kommen heute beide wie dieEisbären an, beide erstarrt, durchfroren, todmüde; das war eine böseNacht für uns beide! Du sollst Pflege haben, sauber gemacht wer-den von Rad zu Schornstein, und ich ich will mich wärmen undauftauen! Gott sei Dank, da ist Hochfeld, die Endstation!

Mühsam hob er den starren Arm im steifgefrornen Ärmel, um zupfeifen, als die Gebäude der großen Station im ungemütlichen Lichteeines stürmischen Wintermorgens, mit hier und da noch in den Fen-stern glimmenden Lichtern, dicken Eiszapfen an den Dächern undmit all ihrer Öde und Unbehaglichkeit zum Vorschein kamen.

Dröhnend rollte der Zug mit den letzten Atemzügen der fastverlöschenden Maschine in die nur spärlich erleuchtete Halle. DerInspektor steht im Morgenpelze verdrießlich auf dem Perron. Müh-sam sich bewegend, starr und kältematt, reicht ihm Zimmermann dieKursuhr herab. Sie kommen zwanzig Minuten zu spät, knurrt derInspektor, Sie haben die Fahrprämie verloren.

Es war eine böse Nacht, Herr Inspektor, sagte der halb erfrorneFührer. Ja, es tut mir leid, erwiderte der Inspektor. GaußigsMaschine ist schadhaft geworden, bringen Sie den alten Greif inOrdnung, in einer halben Stunde müssen Sie den Schnellzug zurückübernehmen. Todmüde, durchfroren, sofort den ganzen Weg zurück,und der Schneesturm tobt nach wie vor!

Das ist Lokomotivführerdienst im Winter.

Max Maria v. Weber.