196
Mutter straff erzogen; sie bettet uns gar nicht weich; sie umgibt unsnicht sonderlich mit Schutzmitteln; sie hört gar nicht auf jedes Klagen;sie ebnet nicht selbst die Wege; sie hat keine Gängelbänder für uns,keine Dekorationen und keine Pensionen; sie steuert uns nicht aus undschickt uns keine Flotten und Wechsel nach — und doch ist diese Mutterden Kindern so lieb, und doch hängen alle an ihr, und doch zittertallen das Lerz bei ihrem Namen, und doch bangen alle, selbst die ent-ferntesten Kinder, wenn der Mutter Gefahr droht. Es ist die Freiheit,in der sie uns erzieht; es ist die Achtung, welche sie jedem Kinde zollt;es ist die Gerechtigkeit, mit welcher sie alle umgibt; es ist die Mensch-lichkeit, mit welcher sie ihr Regiment übt; es ist ihr freundlicher Blick,mit welchem sie am Morgen von ihren Gletschern herablächelt, mitwelchem sie von errötenden Firnen am Abend von uns Abschied nimmt;es ist ihre traute Stimme im Lawinendonner und im Jodeln der Lirten,im Plätschern der blauen Bäche und im wilden Rauschen der grünenGewässer — es ist ihre Schönheit und ihre Würde; es ist die Brüder-lichkeit, welche sie in der Familie ausrecht erhält; es ist die Freiheit, inder die hehre Alpenmutter uns nährt und erzieht, was uns an sie kettet,wo wir auch sein und weilen mögen.
Die letzten Tage haben uns selbst und der Welt diese Liebe desSchweizers zu seiner Leimat neuerdings bewiesen. Kaum war über dieLänder die Kunde ausgegangen: Das Schweizerland ist bedroht I Kaumhatte die Mutter ihr Banner entfaltet, als sofort ihre Kinder allerortssich kündeten und die Mutter tief bewegt bei ihrem Namen riefen.Von der Newa Strand, vom Äser der Themse, vom Golfe von Neapel,aus der großen Kaiserstadt, aus den Ebenen Italiens, von der neuenWelt herüber, von allen, allen Seiten kamen die Schweizer, schriebendie Schweizer, schickten die Schweizer Lilfe. Ihre Lerzen brannten;sie verfolgten gespannt und erregt jeden Schritt ihres Vaterlandes; siegriffen hastig nach den Blättern, die ihnen Kunde brachten von dem,was in ihrer Leimat geschah. And manchem greisen Schweizer draußen,wenn er las von dem plötzlichen Schweigen alles Laders, von demplötzlichen Ausschließen der Kassen der Reichen, von der Freudigkeit,mit welcher die Brüder zu Lause zu den Waffen eilten, von der ent-schiedenen Laltung des Volkes, den Schweizer Namen und die SchweizerEhre zu wahren und sollte es kosten, was es wolle — hob sich zitterndseine Brust, und eine heiße Träne rollte ihm über seine Wangen, undsein Lrrz seufzte unwillkürlich: O mein Vaterland, o mein Leimatland IAnd dem Sohne, der auf fremder Erde geboren, der verwundert denVater um den Grund seiner Tränen fragte, nahm er die Land, sahihm bewegt ins Auge und sagte ihm: „Ach, du weißt noch nicht, wasunsere Leimat ist; du hast das Land und sein treues Volk noch nie