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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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gierden und Leidenschaften auch nur halb so viel Nachdenken undVernunft zuwenden wollten, wie wir es der Zähmung der anderenNaturkräfte widmen. Heute haben wir eine grosse Wissenschaft,wie man elektrische Kraft hervorruft, wie man sie aufbewahrt, wieman sie in Bewegung und Arbeit verwandelt; aber wie man mitden grossen Triebkräften der menschlichen Seele umgeht, wie sieentstehen und wachsen, wie sie aufgespeichert werden können,wie man sie dazu verwerten kann, um den Menschen vorwärts zubringen, statt dass sie ihn und andere zerstören; darüber gibtsnoch kein Wissen. Habt ihr einmal im Theater so ein Stück ge-sehen, bei dem ein Missverständnis nach dem andern kommt undauf allen Seiten die Leidenschaft immer grösser wird, bis schliess-lich in der Schlusszene die Hälfte ermordet auf der Bühne liegt?Habt ihr dabei nicht das Gefühl, wie bei einem Gewitter, das wildheraufzieht und Bäume knickt und Felder verwüstet und Häuserin Brand setzt und nachher ist alles wieder stille und es tropftleise von den Bäumen ?

So ist's, wenn ein Krieg losbricht, wo auch ein Missver-ständnis und eine falsche Behandlung nach der andern kommt undeine Depesche immer gereizter wird als die andere, bis sich schliess-lich die Truppen mit rollenden Kanonen gegeneinander wälzen. Undso ist's auch oft im häuslichen Leben der Menschen, oft bei dennächsten Verwandten. Sollte man da keine Blitzableiter erfindenkönnen, sollte man da wirklich nie lernen, genauen Bescheid zuwissen im menschlichen Herzen und die Kräfte weise zu leiten?

Jetzt macht man grosse Untersuchungen darüber, wie es wohlgelingen könnte, die gewaltige Kraft, die im Dynamit liegt, so zulösen, dass sie nicht mit einem Mal explodiert, sondern ganz all-mählich sich entwickelt und dann die Triebkraft statt des Dampfesbenutzt werden könne. Aber wie es gelingen könne, auch die ge-waltige Kraft, die im menschlichen Willen und in den Leidenschaftenliegt, so zu befreien und zu leiten, dass sie nicht in wilden Aus-brüchen verschwendet wird, sondern unter der Herrschaft der Ver-nunft edle Arbeit tut und dem Leben des Geistes dient darüberwill sich niemand den Kopf zerbrechen.

Denkt einmal daran, wie euch nach einem Zornausbruch zuMute ist. Ihr seid ganz ermattet und habt doch nichts erreicht,sondern im Gegenteil alles noch mehr verwickelt. Es ist, wiewenn die Leidenschaften wie ein verheerendes Hochwasser vonden Bergen gekommen sind und Steine und Sand auf Gärten und