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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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Noch eins zum Schluss. Ihr wisst ja selbst gut genug, dassdas Wissen vorn rechten Weg allein noch nicht ausreicht; man mussihn auch zu gehen verstehen. Auch das blosse Wissen von derKraft des Dampfes und seiner Beherrschung hilft noch nichts, wennnicht der Techniker die Maschine und den Kessel baut. Und soists auch beim rechten Handeln. Man muss nicht bloss einenrechten Blick haben dafür, wie die Menschen aufeinander wirken,und was verstockt und was erlöst, und wie man die Wildheit beisich selbst an den ersten Zeichen erkennt, sondern man mussauch die Übung sich erwerben in der Unterdrückung der wider-spenstigen Triebe, die Kunst der Ausführung. Fr. W. Foerster.

42. Die barmherzige Schwester.

Ich traf kürzlich einmal einen steinreichen Mann, der dieganze Welt durchreist und Vieles gesehen und erlebt hat, wovonunsereiner kaum einmal träumen kann. Als ich ihn fragte:Wannhaben Sie sich eigentlich am glücklichsten gefühlt in Ihrem Leben ?da sagte er:Als ich in München den Typhus hatte und imKrankenhaus lag.Und das war Ihre schönste Zeit? fragte ichganz erstaunt.Ja, mich pflegte eine barmherzige Schwester, undihre Engelsmilde und Geduld kann ich nie in meinem Lebenvergessen. Ich war ihr ein Fremder und sie hatte ausser mir nochandere Kranke und Tag und Nacht schweren Dienst; aber dieganzen acht Wochen hindurch sah ich auf ihrem Gesichte nurimmer die gleiche leuchtende Güte, niemals auch nur den kleinstenZug von Verdrossenheit oder Gereiztheit. Ja, damals war ich imHimmel.

Also im Krankenhaus war seine glücklichste Zeit. Nun stellteuch einmal vor, wie dieser reiche Mann von allen Ärmerenbeneidet wird. Der muss ja im Himmel leben, so denken sie Alle.Er kann täglich mehrere tausend Mark verbrauchen. Er kann mehr-mals am Tagezu Mittag essen, kann sich alles kaufen, was erwill, und reisen, wohin er will. Er fährt erster Klasse durchsLeben! Und dieser Mann hat Heimweh nach einem MünchnerKrankenhaus, wo er den Typhus gehabt und von einer barm-herzigen Schwester gepflegt worden ist. Warum hat er wohlHeimweh? Weil der Himmel in der Liebe liegt und nicht imGeldsack. Der schönste und rührendste Anblick auf der ganzen