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Friesshardt. Gestrenger Herr, ich bin dein Waffenknechtund wohlbestellter Wächter bei dem Hut.
Diesen Mann ergriff ich über frischer Tat,wie er dem Hut den Ehrengruss versagte.
Verhaften wollt’ ich ihn, wie du befahlst,und mit Gewalt will ihn das Volk entreissen!
Gessler (nach einer Pause). Verachtest du 80 deinen Kaiser, Teil?Und mich, der hier an seiner Statt gebietet,dass du die Ehr’ versagst dem Hut, den ichzur Prüfung des Gehorsams aufgehangen ?
Dein böses Trachten hast du mir verraten!
Teil. Verzeiht mir, lieber Herr! Aus Unbedacht,nicht aus Verachtung eurer ist’s geschehn.
Wär’ ich besonnen, hiess’ ich nicht der Teil!ich bitt’ um Gnad’, es soll nicht mehr begegnen!
GeSSler (nach einigem Stillschweigen).
Du bist ein Meister auf der Armbrust, Teil,man sagt, du nehm st es auf mit jedem Schützen?
Walther Teil. Und das muss wahr sein, Herr,’nen Apfel schiesstder Vater dir vorn Baum auf hundert Schritte.
Gessler. Ist das dein Knabe, Teil?
Teil. Ja, lieber Herr.
Gessler. Hast du der Kinder mehr?
Teil. Zwei Knaben, Herr.
Gessler. Und welcher ist’s, den du am meisten liebst?
Teil. Herr, beide sind sie mir gleich liebe Kinder.
Gessler. Nun, Teil! Weil du den Apfel triffst vorn Baumauf hundert Schritte, so wirst du deine Kunstvor mir bewähren müssen — Nimm die Armbrust —du hast sie gleich zur Hand — und mach dich fertig,einen Apfel von des Knaben Kopf zu schlössen —
Doch, will ich raten, ziele gut, dass duden Apfel treffest auf den ersten Schuss!
Denn fehlst du ihn, so ist dein Kopf verloren!
(Alle geben Zeichen des Schreckens.)
Teil. Herr — welches Ungeheure sinnet ihr
mir an? — Ich soll vorn Haupte meines Kindes —
— Nein, nein doch, lieber Herr, das kommt euch nichtzu Sinn — Verhüt’s der gnäd’ge Gott — Das könnt ihrim Ernst von einem Vater nicht begehren!