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bis es etwa den fünften Teil des früher mit Luft gefüllten Raumeseinnimmt. Aus dem Versuch ergibt sich ohne weiteres, dass V 5der atmosphärischen Luft aus dem Zylinder verschwunden ist unddass dieser Teil unbedingt das Brennen der Kerze ermöglichte,mithin ganz andere Eigenschaften haben muss, als die zurückge-bliebenen 4 / 5 der Luft. Die Luft besteht also aus mindestens zweiverschiedenen Gasen; das erste Gas heisst Sauerstoff oder Lebens-lust. Ein weiterer Versuch muss das Gesagte bestätigen.
An einem rechtwinkelig umgebogenen Drahte befestigen wireine Kerze. Wir verschliessen mit dem Handteller den Zylinder,stellen denselben auf den Tisch und führen die brennende Kerzeein. Sie erlischt. Der Rest der Luft ist nicht imstande, die Ver-brennung zu ermöglichen, ist also ein Gas mit ganz andern Eigen-schaften. Weil das Licht darin erstickt, hat man ihm den zu-treffenden Namen Stickstoff gegeben. Er ist ein Element, ge-rade wie der Sauerstoff. Genau finden sich in 100 1 Luft 211 Sauer-stoff und 79 1 Stickstoff. Diese Gase sind aber bloss gemischt;so etwa wie wir Wasser und Wein mischen können. Sauerstoffund Stickstoff spielen im Haushalte der Natur eine so wichtigeRolle, dass wir beide genauer betrachten müssen, wollen wir auchnur die einfachsten Lebensvorgänge, die sich täglich vor unsernAugen oder in unserm Körper vollziehen, verstehen.
5. Vorn Sauerstoff und seinen Kameraden.
1. Ohne Sauerstoff brennt kein Holz am Herde, leuchtet keineGasflamme. Er ist für uns, wie für die Tiere und Pflanzen, dienotwendige Lebenslust. Er allein ermöglicht, durch den Stickstoffder atmosphärischen Luft zweckmässig verdünnt, den Lebensprozess.Ein erwachsener Mensch macht in der Minute etwa 18 Atemzüge,wobei er jedesmal zirka 300 cm 3 — V 3 1 Luft einatmet. In derStunde macht das schon 360, in einem Tage 8640 1 Luft. EinFünftel hievon ist Sauerstoff, also braucht der Erwachsene täglichmehr als 1600 1 Sauerstoff. Er ist jedoch kein saurer Stoff; denn•er besitzt gar keinen Geschmack. Auch hat er weder Geruch nochFarbe und darum kann ihn unser Auge nicht sehen, unsere Zungenicht schmecken und unsere Nase nicht riechen. Sauerstoff aberheisst er, weil er Säuren erzeugt. Beobachtungen, die wir täglichmachen können, beweisen das. Unter Einwirkung des Sauerstoffeswerden die Speisen und Getränke sauer; die Butter wird ranzigund verdirbt. Wollen wir also das Verderben der Speisen und