194
manche bekannt und gehörten Personen, die in demselben Jahreverstorben waren. Während der Ablesung dieses Namensver-zeichnisses wurde der Kahn immer leichter, und lag er eben nochso schwer im Sande des Ufers, so hob er sich jetzt plötzlich leichtempor, sobald die Ablesung zu Ende war, und der Schiffer,welcher daran merkte, daß seine Ladung richtig in Empfanggenommen war, fuhr wieder ruhig zurück zu Weib und Kind,nach seinem lieben Hause in der Bucht.
62. Das Licht der treuen Schwester.
Karl Müllenhoff.
An dem Ufer einer Hallig wohnte einsam in einer Hütteeine Jungfrau. Vater und Mutter waren gestorben, und derBruder war fern auf der See. Mit Sehnsucht im Herzen gedachtesie der Toten und des Abwesenden und harrte seiner Wiederkehr.Als der Bruder Abschied nahm, hatte sie ihm versprochen, all-nächtlich ihre Lampe ans Fenster zu setzen, damit das Licht,weithin über die See schimmernd, wenn er heimkehre, ihm sage,daß seine Schwester Elke noch lebe und seiner warte. Was sieversprochen, das hielt sie. An jedem Abend stellte sie die Lampeans Fenster und schaute Tag und Nacht auf die See hinaus,ob nicht der Bruder käme. Es vergingen Monde, es vergingenJahre, und noch immer kam der Bruder nicht. Elke ward zurGreisin. Immer saß sie noch am Fenster und schaute hinaus,und an jedem Abend stellte sie die Lampe aus und wartete.Endlich war es bei ihr dunkel und das gewohnte Licht erloschen;da riefen die Nachbarn einander zu: „Der Bruder ist gekommen!"und eilten ins Haus der Schwester. Da saß sie da, tot und starrans Fenster gelehnt, als wenn sie noch hinausblickte, und nebenihr stand die erloschene Lampe.
63. Der Holländermichel.
W. Hauff.
Es lebte vor hundert Jahren und darüber ein reicher Holz-herr, der viel Gesinde hatte; er handelte bis weit in den Rheinhinab, und sein Geschäft war gesegnet, denn er war ein frommerMann. Kommt eines Abends ein Kerl an seine Türe, dergleichen