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Der Landvogt, der vor Todesangst zitterte, sprach zu Tell:„Wenn du dich getrautest, uns aus dieser Gefahr zu helfen, so wollt'ich dich losbinden lassen." Tell antwortete: „Ja, Herr, mit GottesHilfe getrau' ich mir, uns aus diesem Sturm zu retten." Also wurdeer losgebunden, stand an das Steuerruder und fuhr kräftig dahin.
Doch warf er einen Blick auf die Armbrust, die nahe beiihm lag, und spähte dann beständig ans Ufer, ob nicht irgend-wo eine passende Stelle sei, an der er aus dem Schiffe springen undentrinnen könnte. Da sah er eine Felsplatte, die weit in denSee vorsprang. Er schrie den Knechten zu, fest zu rudern, bis siezu der Platte kämen; dann hätten sie das Ärgste überwunden.Und als sie dahinkamen, ergriff Tell seine Armbrust und spranghinaus auf den Felsen. Das Schiff stieß er mit dem Fuße vonsich und ließ es weiter schwanken aus dem See. Dann lies erauf Umwegen in die hohle Gasse bei Küßnacht und verbarg sichdort im Gesträuch; denn er wußte, daß der Landvogt da vorbei-reiten würde.
Der Landvogt und seine Knechte kamen mit großer Notüber den See nach Brunnen. Bon da ritten sie durchs Schwyzer-land nach Küßnacht. Wie sie aber in die hohle Gasse kamen,da spannte Tell seine Armbrust und durchschoß den Landvogtmit einem Pfeil, daß er vom Rosse fiel und tot zu Boden sank.
14. Die Vertreibung der Vögte.
Als der Neujahrstag gekommen war, gingen die Landleutedaran, alle Burgen der drei Länder zu erobern und die Vögtezu vertreiben. Auf der Feste Roßberg in Nidwalden diente eineMagd, die vom Plane der Eidgenossen wußte und ihnen freund-lich gesinnt war. In der Altjahrsnacht kamen heimlich zwanzigBundesgenossen vor das Schloß. Wie verabredet war, band dieMagd ein Seil an einen Fensterpfosten und ließ es außen über dieMauer hinunter. Einer kletterte daran hinauf in die Burg. Hernachzog er die Bundesgenossen, einen nach dem andern, am Seil hinauf,bis sie alle im Schlosse waren. Schnell nahmen sie den Amtmannund seine Knechte gefangen und verwahrten sie in der Burg.