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Lesebuch für das sechste Schuljahr der Volksschule des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrate
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Der Rorschacher Klosterbruch und derSt. Gallerkrieg.

Abt Ulrich Rösch. Durch den Abfall der Stadt St. Gallen und derAppenzeller*) hatte das Kloster St. Gallen einen grossen Schaden er-litten. Seine Einkünfte waren um mehr als die Hälfte zurückgegangenund reichten für den Unterhalt der Klosterbrüder kaum mehr aus.Aber nun kam ein Mann auf den Thron, der die Abtei wieder in dieHöhe brachte.

Das war Abt Ulrich Rösch. Als armer Küchenjunge hatteer einst im Kloster ein Plätzchen gefunden. Dann hatte eines Tagesder Abt seine grossen Fähigkeiten bemerkt und ihn in die Kloster-schule aufgenommen. Er war ein gelehrter Mönch geworden und beiden Klosterbrudern zu grossem Ansehen gekommen. Und nun hattensie ihn zum Fürstabt gewählt. Sie hatten es nicht zu bereuen. AbtUlrich brachte nicht nur die Abtei wieder in die Höhe, sondern erkaufte auch noch die Grafschaft Toggenburg dazu, wodurch dieAbtei doppelt so gross wurde, als sie vorher gewesen war.

Warum Abt Ulrich das Galluskloster nach Rorschach verlegenwollte. Abt Ulrich hatte noch Grösseres im Sinne. Er fasste denPlan, ein neues Kloster zu bauen, aber nicht in St. Gallen, sondernin Rorschach. Er versammelte die Klosterbrüder und setzte ihnensein Vorhaben auseinander. St. Gallen, sagte er, sei nicht derrechte Ort für einen Neubau. Hier sei das Kloster von allen Seitenvon der städtischen Ringmauer umschlossen. Man könne vorn Klosternicht in die Landschaft und von dieser nicht ins Kloster gelangen,ohne durch die Stadt hindurchzugehen. Das sei aber mit vielenWiderwärtigkeiten verbunden; denn die Stadtleute seien unleidigeNachbarn. Er habe den Rat schon verschiedenemal gebeten, ihm zugestatten, ein eigenes Tor in die Stadtmauer zu bauen, aber der habees ihm jedesmal rundweg abgeschlagen. Nicht einmal den Zugangzum Kloster von der Stadt her dürfe er durch eine Mauer ab-schlössen.**) Jetzt seien Kloster und Stadt nur durch einen Haggetrennt; infolgedessen komme viel fremdes Bettelvolk ins Kloster,und es werde auch viel gestohlen. Klösterliche Ruhe und Stille findeman hier nicht mehr. Am Tage werde man durch den Lärm in den

*) 5. Lesebuch S. 118 und 124.

**) Das Abtstor und die Scheidemauer zwischen Kloster undStadt (siehe 5. Lesebuch S. 128) sind erst hundert Jahre später er-stellt worden.