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und frech fordernd blicken die dunkeln Äuglein und piepen dievorlauten Schnäbelchen!
Zwei Tage später sind auch die zwei Nesthäkchen zum Aus-flug fertig. Einige Tage darauf haben sie alle das Fliegen undMückenfangen, die Freuden und Gefahren ihres Lebens kennengelernt. Die Alten können sich ihretwegen beruhigen und zurrechten Zeit zur zweiten Brüt schreiten.
Waldleben am Morgen. Friedrich Tschudi.
Wenn noch die Sterne fröhlich am blauen Nachthimmelschimmern, beginnt es im Walde sich zu regen. Die Amsel er-wacht. Sie schüttelt den Tau von ihrem schwarz glänzenden Ge-fieder, wetzt den Schnabel am Zweige und hüpft höher hinaufam Ahornbaum. Sie scheint sich fast zu wundern, daß der Waldnoch fortschläft. Zweimal, dreimal ruft sie über die Berge hin.Dann flötet sie mit Macht ihre Weisen, bald lustig, bald klagend.Rasch erwacht nun das Leben im Walde. Der Kuckuck läßt seinenLockruf hören. Aus den Schornsteinen im Dorfe erheben sichbläuliche Rauchsäulen; in den Gehöften bellen hin und wiederdie Hunde; eine Kuhglocke ertönt.
Nun erheben sich alle Bügel aus ihren dunkeln Büschen. Wiemanches kleine, arme Vöglein lebt freudig auf. Hat es doch einebange, angstvolle Nacht hinter sich. Es saß, den Kopf ins Ge-fieder gedrückt, auf seinem Zweige. Da flog im Sternenscheineeine Eule durch die Bäume und wählte sich eine Beute. Ausseinem Eichhornnest kam der Marder herunter. Durch das Ge-büsch stahl sich der schlaue Fuchs. Das Vöglein sah alle; in derLuft, auf dem Baume, auf dem Boden lauerte das Verderbenviele Stunden lang. Angstvoll saß es und wagte nicht, sich zuregen. Ein paar junge Buchenblätter verdeckten und schützten es.
Wie munter hüpft es hervor, da es Tag wird. In klarenSchlägen ruft der Buchfink; hell singt das Rotkehlchen vomGipfel des Lärchenbaumes, der Weidenzeisig im Erlengebüsch.Dazwischen trillert der Hänfling, kollert die Blaumeise, jubiliertder Distelfink, quiekt der Zaunkönig, piept das Goldhähnchen,trommeln die Spechte.
Wenn aber am Mittag die Sonne glühend heiß auf denBoden niederscheint, dann sind auch für den lebensvollen Waldeinige Stunden der Ruhe gekommen. Leise nur zittern einzelneBlätter. Hier zieht ein Schmetterling durch das sonnige Grün