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Bündner Lesebuch : 7. Schuljahr / hrsg. vom Kleinen Rat ; besorgt von der Redaktions- und Illustrations-Kommission ; ill. von Rudolf Münger
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wöchentlich Bücher und Zeitschriften versandte, den Auftragübernommen, aus die Umschläge die Namen und Adressender Abonnenten zu schreiben, und verdiente an je fünfhundertStück dieser in großen und regelmäßigen Buchstabengeschriebenen Adressen drei Franken. Aber diese Arbeitermüdete ihn, und er klagte oft bei Tische darüber.MeineAugen werden schwach", sagte er;diese Nachtarbeit regtmich auf."

Eines Tages sagte der Sohn:Vater, laß mich für dicharbeiten: du weißt, daß ich genau so schreibe wie du." Aberder Vater antwortete:Nein, mein Sohn, du mußt lernen.Deine Schule ist viel wichtiger als meine Adressen. Ichwürde mir Gewissensbisse machen, dir nur eine Stunde zuentziehen. Ich danke dir; aber ich will nicht. Sprich nichtmehr davon."

Der Sohn wußte, daß es unnütz sei, dieser Sache wegenlänger in den Vater zu dringen, und er sprach nicht mehrdavon. Aber was tat er? Er wußte, daß sein Vater punktMitternacht zu schreiben aufhörte und sein Arbeitszimmerverließ, um ins Schlafzimmer zu gehen. Er hatte es einigeMale gehört: Hatte die Wanduhr die zwölfte Stunde ge-schlagen, so wurde der Stuhl gerückt, und es ließ sich derlangsame Schritt des Vaters vernehmen. Eines Tageswartete er, bis derselbe zu Bette war, kleidete sich ganz leisean, ging behutsam in das Zimmer, zündete die Petroleum-lampe an, setzte sich an den Schreibtisch, auf dem ein Haufenweißer Streifen und das Verzeichnis der Adressen waren,und begann zu schreiben, indem er die Schrift seines Vatersgenau nachahmte. Er schrieb mit Eifer, wenn auch ein wenigfurchtsam, und die Streifen häuften sich an. Hie und dalegte er die Feder weg, um sich die Hände zu reiben. Dannbegann er mit neuem Eifer, indem er von Zeit zu Zeitlauschte und lächelte. Einhundertsechzig schrieb er: eine Lira!