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Bündner Lesebuch : 7. Schuljahr / hrsg. vom Kleinen Rat ; besorgt von der Redaktions- und Illustrations-Kommission ; ill. von Rudolf Münger
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Sonne schon hoch am Himmel stand, fühlte er zuerst, unddann sah er, an seine Brust gelehnt, gestützt auf den Randseines kleinen Bettes, das weiße Haupt seines Vaters, derdie Nacht so zugebracht hatte und noch schlief, mit der Stirnan seinem Herzen. Aus AmicisHerz".

*

Garrone.

Diesen Morgen fand sich Gelegenheit, unsern MitschülerGarrone richtig kennen zu lernen. Als ich ins Schulzimmertrat, war der Lehrer noch nicht da, und drei oder vierKnaben quälten den armen Crossi, den mit den roten Haarenund dem lahmen Arme, den Sohn der Gemüsehändlerin.Sie stießen ihn mit Linealen, warfen ihm Kastanienschalenins Gesicht und nannten ihn Krüppel und Mißgeburt, indemsie ihn nachahmten, wie er seinen Arm am Halse trug. Under, allein zu hinterst in seiner Bank, hörte ganz blaß zu,blickte bald den einen, bald den andern mit bittenden Augenan, sie möchten ihn doch gehen lassen. Aber die andernverspotteten ihn immer mehr; da begann der Gequälte zuzittern und wurde rot vor Wut. Auf einmal stieg Franti,jenes unverschämte Gesicht, auf eine Bank, und indem ersich stellte, als ob er an jedem Arme einen Korb trage, äffteer die Mutter Crossis nach, wie er sie sah, wenn sie ihrenSohn allemal an der Türe erwartete. Jetzt ist sie krank.Viele fingen an laut zu lachen. Da verlor Crossi den Kopf,ergriff ein Tintenfaß und schleuderte es seinem Beleidigermit aller Kraft ins Gesicht. Aber Franti wich geschickt aus,und das Tintenfaß flog dem Lehrer, der gerade eintrat,an die Brust. Alle schlüpften geräuschlos an ihre Plätze undwaren still und erschrocken.

Der Lehrer, ganz bleich, stieg aufs Pult, und mit zittern-der Stimme fragte er:Wer ist's gewesen?" Keiner