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Bündner Lesebuch : 7. Schuljahr / hrsg. vom Kleinen Rat ; besorgt von der Redaktions- und Illustrations-Kommission ; ill. von Rudolf Münger
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Da hielt die Mutter inne in ihrer Arbeit, und die Händeruhten gefaltet auf dem Schoße. Sie hatte die Augengeschlossen. Aber unter den Wimpern hervor drangenTränen.

Sie horchte auf den Wind.

Mutter, warum hast du die Augen geschlossen?"

Die Mutter erwachte wie aus einem schweren Traum.

Ich schließe die Augen, damit ich besser in meiner Seelesehen kann."

In deiner Seele? Womit siehst du denn in deinerSeele?"

Mit dem geistigen Auge."

Johannes springt auf von seinem Schemel und schmiegtsich dicht an seine Mutter.

Mutter, was siehst du denn in deiner Seele?"

O Kind, ich sehe ein schwankendes Schiff, das die Wellenpeitschen und der Sturm jagt. Und dieses Schiff trägt deinenVater."

Da sah der Knabe erschrocken auf seine Mutter, als ober Hinuntersehen wollte in die Mutterseele, um ihrenSchmerz und ihre Sorge zu lesen.

Und dann dachte er zum erstenmal mit Schrecken an denSturm auf dem Meere, der ihm, dem Sohne des Seemanns,bisher immer so gut gefallen hatte.

Und auch sein Herz füllte sich mit Angst um den Vater,den er so liebte, und der nun wohl kämpfen mußte mit demSturme.

Er weinte und barg sein heißes Angesicht in die Händeder Mutter.

Aber wie die ersten Primeln blühten, da kam der Vaterheim vom Meere, gesund und frisch. Und da zog das Glückwieder in das kleine Haus. Nur wenn der Vater aufsMeer wollte, und war's auch nur für wenige Stunden, da