Buch 
Bündner Lesebuch : 7. Schuljahr / hrsg. vom Kleinen Rat ; besorgt von der Redaktions- und Illustrations-Kommission ; ill. von Rudolf Münger
Entstehung
Seite
295
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Tod ein. Die Erinnerung an die Pestzeit hat sich in vielenErzählungen erhalten. 2l. Flockn.

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Der Geißbub im Toggenburg.

Die erste Lebenszeit.

Am heiligen Weihnachtstag ward ich in Wattwil getauft,und ich freute mich schon oft, daß es grad an diesem Tagegeschah, da wir die Geburt unseres Erlösers feiern. Wenn'seine einfältige Freude ist, was macht's? Gibt's doch gewißnoch viel kindischere!

In meinen ersten Lebensjahren mag ich wohl ein wenigverzärtelt worden sein, wie's gewöhnlich mit ersten Kinderngeht. Doch wollte mein Vater schon früh genug mit derRute auf mich dar; nur die Mutter und die Großmutternahmen mich in Schutz.

Mein Vater war wenig daheim; er brannte hie und daim Land und an benachbarten Orten Salpeter. Wenn erdann wieder nach Hause kam, war er mir fremd. Ich flohihn. Dies verdroß den guten Mann so sehr, daß er mich mitder Rute zahm machen wollte.

Ich kann mich beinah' bis aus mein zweites Lebensjahrzurückerinnern. Ganz deutlich besinn' ich mich, wie ich aufallen Vieren einen steinigen Fußweg hinabkroch und eineralten Base durch Gebärden Äpfel abbettelte. Ich weißgewiß, daß ich wenig Schlaf hatte, und daß meine Mutter,um einen geheimen Pfennig zu verdienen, des Nachts ver-stohlenerweise beim Licht gesponnen hat. Wenn ich dannnicht in der Kammer allein bleiben wollte, mußte sie eineSchürze auf den Boden spreiten, worauf sie mich setzte undich mit dem Schatten und ihrer Spindel spielte. Ich weiß,daß sie mich oft durch die Wiese auf dem Arm dem Vaterentgegentrug und daß ich ein Mordiogeschrei anfing, sobald