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Die Befreiung der Waldstätte.
An den Usern des Vierwaldstätter Sees liegen die dreiLandschaften Uri, Schwyz und Unterwaiden, welche seit altenZeiten zum Deutschen Reiche gehörten und, ohne einem Lan-desherrn Untertan zu sein, stets treu und fest zu Kaiser undReich gehalten hatten.
Aber Kaiser Albrecht I., der ein strenger und gewalttätigerHerr war, wollte die Schweizer ganz unter die Oberhoheit desHauses Österreich zwingen, und als die freien Männer sich nichtfügen wollten, schickte er ihnen zwei Landvögte, die in allenDingen an Kaisers Statt über sie zu gebieten hatten: Hermannvon Gehler regierte in Uri und Schwyz und hatte seinen Sitzaus der Burg zu Kütznacht, während in Unterwalden Beringervon Landenberg aüf der Burg zu Sarnen hauste. Diesen Vögtenhatte der Kaiser besohlen, daß sie gegen jeden Strafbaren, wiegeringe Sachen es auch immer betreffe, zum strengsten verfahren,keine Gnade ausüben und niemand verschonen sollten.
Es waren zwei grimmige, rauhe und unbarmherzige Män-ner; das wußte der Kaiser, und er hatte sie deshalb als Vögtebestellt. Sie singen auch alsbald an, die guten Leute streng undhart zu halten, sie um kleiner Ursache willen gefänglich auf dieFeste Küßnacht zu führen und Gewalt und Grausamkeit auszu-üben, wie zuvor im Lande nicht erhört war.
In Unterwalden wohnte der alte Heinrich von Melchthal,ein frommer, verständiger und ehrbarer Landmann, der wohl-geachtet war unter seinen Landsleuten und allerwege mit Ratund Tat dafür gewirkt hatte, daß man bei den Freiheiten desLandes bleibe und sich vom Reich nicht trennen ließe. Darumwar ihm Landenberg feindselig gesinnt, und um eines geringenVergehens willen, das sein Sohn, Arnold von Melchthal, be-gangen hatte, schickte er seinen Knecht, daß er ihm das schönsteGespann Ochsen wegnehmen sollte. Als der Alte dawider redenwollte, sprach der Knecht: „Es ist des Landvogts Meinung, daßder Bauer, wenn er Brot essen will, den Pflug selbst ziehen soll."Damit griff er nach den Ochsen und wollte sie losspannen; aberder junge Arnold schlug mit einem Stecken den Knecht starkauf die Hand, daß ihm gleich ein Finger brach. Der Jünglingentfloh zu Freunden ins Urner Land; aber den Vater forderte