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Lesebuch für die 5. Klasse der Primarschulen des Kantons Schaffhausen / im Auftr. der kant. Lehrmittelkommission zusammengest. von G. Kugler ; [6 Federzeichn. von Aug. Schmid]
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Der Hirtenknabe.

Abbas, mit dem Zunamen der Große, König von Persien,war einst auf der Jagd verirrt. Er kam auf einen Berg, wo einHirtenknabe eine Herde Schafe weidete. Der Knabe saß untereinem Baume und blies die Flöte. Die süße Melodie des Liedesund Neugierde lockten den König näher hinzu; das offene Ge-sicht des Knaben gefiel ihm; er fragte ihn über allerlei Dinge,und die schnellen, treffenden Antworten dieses Kindes der Natur,das ohne Unterricht bei seiner Herde aufgewachsen war, setztenden König in Verwunderung. Er hatte noch seine Gedanken dar-über, als sein Wesier dazukam.Komm, Wesier", rief er ihm ent-gegen,und sage mir, wie dir dieser Knabe gefällt! Der Wesierkam herbei, der König setzte seine Fragen fort, und der Knabeblieb ihm keine Antwort schuldig. Seine Unerschrockenheit, seingesundes Urteil und seine offene Freimütigkeit nahmen den Königund den Wesier so sehr ein, daß jener beschloß, ihn mit sich zunehmen und erziehen zu lassen, damit man sehe, was aus dieserschönen Anlage der Natur unter der Hand der Kunst werde.

Wie eine Feldblume, die der Gärtner aus ihrem dürrenBoden hebt und in ein besseres Erdreich pflanzt, in kurzem ihrenKelch erweitert und glänzendere Farben annimmt, so bildete sichauch der Knabe unvermerkt zu einem Manne von großen Tu-genden aus. Der König gewann ihn täglich lieber; er gab ihmden Namen Ali Beg und machte ihn zu seinem Großschatzmeister.

Ali Beg besaß alle Tugenden, die sich nur zusammen ver-einigen lassen: Unsträflichkeit in seinen Sitten, Treue und Klug-heit in seinem Amte, Freigebigkeit und Großmut gegen die Frem-den, Gefälligkeit gegen alle, die ihn um etwas baten, und, ob-gleich er der Liebling des Königs war, die bescheidenste Demut.Was ihn aber am meisten unter den persischen Hofleuten aus-zeichnete, war seine Uneigennützigkeit; denn nie ließ er sichseine Dienste bezahlen, seine guten Taten hatten die reinsteQuelle, das Verlangen, den Menschen nützlich zu werden. Beiallen diesen Tugenden entging er jedoch den Verleumdungen derHöflinge nicht, die seine Erhebung mit heimlichem Neide ansahen.Diese legten ihm allerlei Fallen und suchten ihn bei dem Königeverdächtig zu machen. Aber Schah Abbas war ein Fürst vonseltenen Eigenschaften; argwöhnischer Verdacht war für seine