108
selbe aus der Höhe herab, schlug auf einem andern Felsen aufund zerbrach in kleinere Stücke. Ein solches Stück bin ich.Jahrelang blieb ich an der Stelle liegen. Da kam ein wildesGewitter. Das Wasser faßte mich und riß mich hinab in dasTal und hinein in das Bett eines rauschenden Baches. JedeWelle schob mich ein Stück weiter, drehte mich bald von rechts,bald von links immer langsam nach vorwärts. Fortwährendrieb ich mich an meinen Kameraden. Hier stieß ein großer, da einkleiner gar unsanft an mich an und brach mir die Ecken undKanten ab. Dann kam wieder feiner, scharfkantiger Sand undschliff die Bruchstellen glatt. Tausende von Jahren rollte ichso langsani weiter; ich wurde immer kleiner, aber auch runderund glätter. Die Reise ging immer leichter und schneller. End-lich schoben die Wellen mich hinein in einen Fluß. Hier gingdas Rollen langsamer.
Wiederum waren Jahrtausende vergangen, als plötzlich dieErde zu zittern begann. Ein Erdbeben hob den Boden hochempor, und die Wasser liefen rauschend ab. Das Flußbett wurdeleer; der Sonnenschein schien mir in das Gesicht und trocknetemich ab. Ich sah mich um. Ringsumher lagen zahllose Kameradenhalb vergraben im Sande. Große Elefanten und ungeheureEidechsen lagen tot um mich her. Einen Menschen aber sah ich nicht.
Die Reise hatte nun ein Ende. Gras und Kräuter wuchsenneben mir in die Höhe, und Erde deckte uns nach und nach zu.Ich mußte nun ruhig liegen und schlief ein.
Wie lange ich da unter der Erde gelegen habe, weiß ichnicht. Aber eines Tages stieß ein scharfes Eisen in die Erdeund an mich an. Ich wachte auf und sah wieder den blauenHimmel über mir. Ich lag in einer Kiesgrube und sah zumersten Male die Menschen. Ich wurde mit vielen Kameradenauf einen Wagen geladen und in den Garten gebracht. Hierliege ich auf dem Wege mitten unter goldfarbigem Gartensandund wundere mich, wie doch die Welt jetzt ganz anders istals damals, wo ich noch oben im Gebirge an der Klippe des
Felsens hing. öcrmann Wagner.