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Deutsches Lesebuch für Sekundarschulen / von H. Utzinger
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den der Armenpfleger jährlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal einigeWochen über den Termin hinaus in seinem Geschäfte benutzt, reichtegerade zu dem Kleiderbedarf und einigen andern kleinen Ausgaben hin.Dieses Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem die ärmlichenGewänder der Kinder gerade um jene verlängerten Wochen zu frühgänzlich schadhaft waren und der Buttertopf überall seinen Grunddurchblicken ließ. Dieses Durchblicken des grünen Topfbodens war eineso regelmäßige jährliche Erscheinung, wie irgend eine am Himmel, undverwandelte ebenso regelmäßig eine Zeitlang die kühle, kümmerlich-stilleZufriedenheit der Familie in eine wirkliche Unzufriedenheit. Die Kinderplagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen; denn sie hieltensie in ihrem Unverstände für mächtig genug dazu, weil sie ihr Ein undAlles, ihr einziger Schutz und ihre einzige Oberbehörde war. Die Mutterwar unzufrieden, daß die Kinder nicht entweder mehr Verstand, odermehr zu essen, oder beides zusammen erhielten.

Besagte Kinder aber zeigten verschiedene Eigenschaften. Der Sohnwar ein unansehnlicher Knabe von vierzehn Jahren mit grauen Augenund ernsthaften Gesichtszügen, welcher des Morgens lang im Bette lag,dann ein wenig in einem zerrissenen Geschichts- und Geographiebuchelas und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg lief, umdem Sonnenuntergang beizuwohnen, welcher die einzige glänzende undpomphafte Begebenheit war, die sich für ihn zutrug. Sie schien fürihn etwa das zu sein, was für die Kaufleute der Mittag auf der Börse;wenigstens kam er mit eben so abwechselnder Stimmung von diesemVorgang zurück, und wenn es recht rotes und gelbes Gewölk gegeben,welches gleich großen Schlachtheeren in Blut und Feuer gestanden undmajestätisch manövriert hatte, so war er eigentlich vergnügt zu nennen.Im übrigen war er ein eigensinniger und zum Schmollen geneigterJunge, welcher nie lachte und auf Gottes lieber Welt nichts tat oder lernte.

Seine Schwester war zwölf Jahre alt und ein bildschönes Kindmit langem und dickem braunem Haar, großen braunen Augen und derallerweißesten Hautfarbe. Dies Mädchen war sanft und still, ließ sichvieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besaßeine helle Stimme und sang gleich einer Nachtigall; doch, obgleich esmit alle diesem freundlicher und lieblicher war, als der Knabe, so gabdie Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begünstigte ihn inseinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernenund es ihm wahrscheinlicher Weise einmal recht schlecht ergehen konnte,