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worin er sich gegen gute Menschen oft hilfreich, gegen Arme mitleidiggezeigt hatte. Verirrten erschien er bald als Jäger, bald als Holz-hauer oder sonst als ein ehrlicher Bürgersmann und wies sie auf ihremWeg zurecht; auch wußte man manche Beispiele, daß er Schlechte undNichtswürdige nach Verdienen empsindlich gestraft hatte.
Einst wankte ein bejahrter Wandersmann über das Gebirge. Erwar schon weit her gekommen und hatte nicht einmal einen Bissen Brotzum Frühstück gehabt: erschöpft sank er vor Hunger am Wege nieder.Da kam ein Jäger vorbei. Er sah ihn an und fragte: „Nun, Alter!Was liegst du so faul da? Es wird Abend, und du hast von hierweit nach einem Obdach. Mache dich auf, daß du es noch erreichest,ehe die Nacht hereinbricht!" Der Alte aber seufzte und antworteteihm: „Ich kann nicht weiter. Ich habe heute noch nichts gegessen.Und wenn ich auch an eine Herberge käme, so würde man mich nichtaufnehmen, ich könnte nichts dafür bezahlen."
„Hunger?" fragte der Jäger und griff nach seiner Jagdflasche.„Da nimm einen Schluck, der wird dir wieder Kraft geben! Zu essenhabe ich nichts. Aber halt, da wachsen ja wilde Pflaumen." Mitdiesen Worten riß er von einem nahen Bäumchen etwas ab und warfes dem Alten in den Hut. Der Schluck aus der Jagdflasche hatte ihmwohl getan; er gab sie zurück und nahm nun gleich eine Pflaume inden Mund. „Wirf die Kerne nicht weg!" rief noch der Jäger undverschwand auf dem nahen Pfade in dem Walde.
Der Alte hatte aber in seinem Hunger rasch aus die Pflaumegebissen, und ihm krachten die Zähne davon. Er spie im Schmerzedie zerbissene Pflaume in die Hand, und siehe, es war ein großergoldener Pstaumenkern, der ihm den Schmerz verursacht hatte. DieKerne der übrigen machte er vorsichtig heraus. Er war nun kräftiggenug, die ferne Gebirgsherberge noch zu erreichen, und reich genug,sein Abendessen und Schlafgeld zu bezahlen.
Dankbar rief er aus: „Nun schelte mir niemand mehr auf denRübezahl Mich hat er zu einem reichen Manne gemacht."
Nach AHL. Grimni.
4. Die Rache des Berggeistes.
Die Hochmatte, ein Berg im Kanton Freiburg, enthält die herr-lichsten Alpentriften; aber die Sennen dürfen ihr Vieh nicht überallohne genaue Aussicht weiden lassen, weil es an steilen Felsabhängen