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Deutsches Lesebuch für Sekundarschulen / von H. Utzinger
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Walde mitten unter wildem Geliere lebe. So ward Meinrads Auf-enthalt in der Umgegend bekannt, und die Leute kamen herbei, um dieErmahnungen und den Trost des gottesfürchtigen Mannes zu hören.

Da begab es sich, daß nach vielen Jahren zwei Landstreicher, dereine hieß Richard, der andere Peter, den See hinabführen und zufälligreden hörten von dem Wäldbruder, der tief in der Wildnis wohne undbei allen Leuten gar hoch gehalten werde.Halt!" dachten sie,beidiesem Waldbruder ist sicherlich viel Gold und Silber zu finden: wirwollen ihn aufsuchen, umbringen und berauben." Mit diesem Vorsätzestiegen sie ans Land und drangen in den Wald ein. Kaum aberwaren sie in den Wald getreten, da kamen die Raben dahergeflogenund erhoben ein gräßliches Geschrei, das den ganzen Wald erfüllte.Die Mörder, von Raublust getrieben, drangen immer tiefer ein undkamen endlich zur Zelle Meinrads, der gerade sein frommes Gebet ver-richtete. Da er die beiden fremden Männer erblickte, stand er auf undbot ihnen freundlich Herberge, Brot und Wein. Die trotzigen Bubenaßen und tranken; aber da sie sich gesättigt hatten, forderten sie mitdrohendem Worte Geld und Gut von dem armen Manne. Vergebensbeteuerte Meinrad, er besitze nicht dergleichen: die Buben glaubten ihmnicht und erschlugen ihn gar jämmerlich.

Kaum hatten sie aber die schwere Tat vollbracht, so kam über siedie furchtbare Macht des bösen Gewissens: sie erschraken ob ihrerVerruchtheit und flohen von der Stätte ihres Verbrechens. Da sie inden Wald kamen, da waren sogleich die Raben hinter ihnen her, flogenihnen nach den Köpfen, kratzten und hieben ihnen nach den Augen.Vergebens suchten die Mörder sich der grimmen Vögel zu erwehren;unablässig und mit gräßlichem Geschrei flogen diese um sie herum.So kamen sie nach Wollerau. Da standen der Zimmermann und seinBruder vor der Tür; sie sahen die beiden Menschen, verstört und ver-schüchtert, gleich solchen, die ein schlechtes Gewissen haben; sie hörtendas gräßliche Geschrei der Raben.Sind das nicht," hub der Zimmer-mann an,Meinrads Raben?"Ja, wahrhaftig!" versetzte der Bruder.Wenn das ist," fuhr der Zimmermann fort,so sind diese Bubenmir verdächtig. Ich sorge sehr, sie haben dem frommen Waldbruderein Leid angetan. Lieber Bruder, gehe du den beiden Menschen nachund gib acht, wo sie bleiben. Ich will indessen in den düstern Wald,zu sehen, wie es um Meinrad steht." Damit lief der eine hierhin,der andere dorthin.