100
118. Zimmermannsspruch.
Das neue Haus ist aufgericlit’t;gedeckt, gemauert ist es nicht.
Noch können Regen und Sonnenscheinvon oben und überall herein;drum rufen wir zum Meister der Welt,er wolle von dem Himmelszeltnur Heil und Segen gießen aushier über dieses offne Haus.
Zu Oberst woll’ er gut Gedeih’n
in die Kornböden uns verleih’n,
in die Stube Fleiß und Frömmigkeit,
in die Küche Maß und Reinlichkeit,
in den Stall Gesundheit allermeist,
in den Keller dem Wein einen guten Geist;
die Fenster und Pforten woll’ er weih’n,
daß nichts Unseliges komm’ herein,
und daß aus dieser neuen Thür
bald fromme Kindlein springen für.
Nun, Maurer, decket und mauert aus;der Segen Gottes ist im Haus!
Uhland.
119. Der Gerber und der Kaiser.
Im Jahre 1276 ritt Kaiser Rudolf von Habsburg durchdie Stadt Basel und sah einen Weißgerber, der an der Straßeeine stinkende Haut bearbeitete. „Nicht wahr, guter Meister,“'rief der Kaiser, „hundert Mark Einkünfte und eine braveHausfrau dazu wären angenehmer, als solch garstig Handwerkda?“ „Herr Kaiser,“ sprach der Gerber, „ich habe beides.“„Nnn, das will ich doch sehen!“ erwiderte Rudolf. Und alser bei seiner Herberge abgestiegen war, ging er sogleich hinund besuchte den Gerber, um zu sehen, wie es um sein Haus-wesen stehe. Der Gerber aber und seine Frau standen schonin reichen Feierkleidern an der Thüre und empfingen denKaiser freundlich. Darnach führten sie ihn hinauf in dieStube, welche reichlich und prächtig ausgerüstet war, so daßes dem Kaiser alsbald heimelig war wie zu Hause. Sodanntrug die Frau eine Mahlzeit von den besten Speisen undköstlichsten Weinen auf und bewirtete den Kaiser mit Tisch-geschirr von Gold und Silber. Da erstaunte der kaiser-liche Gast und sprach zu dem Gerber: „Aber warum magst