Buch 
Lesebuch für das fünfte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorl. der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrate
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Fliege aus. Peter Rosegger.

Die Dorfkinder liebten ihn alle, den alten Naz. Er warauf einem Ohr schwerhörig. Er höre sagte er zu denKindern gern mit diesem Ohre der Leute Reden nichtimmer ganz genau, besonders das Zischen und Munkelnund Rätscheln nicht, gottlob! Hingegen vernehme er etwasganz anderes. Sein Ohr es war das rechte habewunderlicherweise die Gabe, Tiersprachen zu verstehen,die von andern Leuten nur für Bellen oder Blöken oderZwitschern gehalten würden. Wenn die Menschen wüss-ten, was der Zugochs oder der Kettenhund oder andereüber sie sprächen! Zum Herzabdrücken wärs!

Eines Tages führten mehrere Knaben den Naz hinabzu den Eschen am Bache. Dort hatten sie Vogelfanghäus-chen aufgestellt, und der Naz sollte auch mitmachen. Alsdie Knaben nun zu den Eschen kamen, erhoben sie einFreudengeschrei, In einer der Vogelfallen flatterte einherziges Rotkehlchen. Wie es lustig hüpft und singt! riefeiner der Knaben; denn das Tier flatterte angstvoll hinund her im engen Raume und zwitscherte erbärmlich. DerNaz kletterte auf den kurzen Stamm. Muss ich doch wis-sen, warum du gar so lustig bist! sagte er und hielt seinrechtes Ohr an das Häuschen. Mit dem Zeigefinger winkteer: Pst, sie sollten ruhig sein und tat, als horche erdem Tiere.

Das ist jetzt eine schöne Geschichte! sagte er. DemVogel ists nicht recht da drinnen. Dann horchte er wieder. Armer Kerl! rief er endlich, und zu den Knaben ge-wendet: Er klagt und weint, dass sich ein Stein könnterbarmen. Sein Weibchen, sagte er, sitze daheim im Nestbei den Jungen; er sei ausgeflogen, Körner und Käfer zusuchen, um seine lieben Leute zu speisen, und jetzt seier in dieses Unglück geraten, und die Seinen müssten ver-