Unser Häuschen hatte in meinen Kindertagen nur ein Schindeldach;aber es lugte mit seinen weißen, van wildem Wein umrankten Wänden salieblich unter einem prächtigen Nußbaum und unter Fliederbäschen hervor,daß ich es mit keinem andern Haus im Dors hätte vertauschen mögen.Und wie viele Rotschwänzchen und Schwalben nisteten unter seinem Dache!So gute Gelegenheit zum Nesterbauen gab es aber auch nirgends sonst. Esgehörte zu den ersten Frühlingsarbeiten meines Vaters, nachzusehen, ob diealten Brutstätten in Ordnung und neue zu errichten seien im Stall, unterden. Dach, auf den Bäumen.
Wenn unser Nachbar meinen Vater bei dieser Arbeit sah, dannspottete er: „Na, Blumenbauer" (so nannten sie meinen Vater, weil unserHäuschen in einem Blumengarten stand), „werden die Schwalben wohlheuer das Glück bringen? Halt's aber fest nachher; es reißt gar leichtwieder aus, wo's nicht eingewöhnt ist." Beim reichen Grundhofbauernwar es freilich seit lange erbgefessen, das Glück nämlich, wie er's verstand.Er hatte den größten Hof im Orte von seinem Vater geerbt. Sein einzigerSohn war ein kräftiger Junge, der dem Namen des Grundhofbauern gewißEhre machen und den großen Besitz seinerseits verdoppeln würde. UnserNachbar brauchte also nicht zu warten, daß ihm die Schwalben Glückbrächten. Und so ließ er es geschehen, daß sein Junge die Nester, wennkleine Vögelchen darin waren, mit einer Stange herunterstieß, und Elternund Kind lachten unbändig über das verzweislungsvolle Flattern und Schreiender armen Vogeleltern. Die törichten Leute verstanden die Vogelstimmennicht und hörten nicht den Ruf einer gerechten Vergeltung in denselben.
Bei uns war es freilich etwas anderes. Meine Eltern mußten sichplagen von früh bis spät, um für unsere immer hungrigen Mäuler Brotzu schaffen, und es gehörte wohl Glück dazu, um mit so geringen Mittelnvier Jungens groß und zu tüchtigen, nützlichen Menschen heran zu ziehen.Ob die Schwalben dieses Glück wohl brachten? Jedenfalls trugen sie bei,die reinen und edlen Freuden zu vermehren, die unsere Kindheit trotzunserer Armut zu einer glücklichen machten.
Es gehört zu ineinen frühesten Erinnerungen, wie eines schönenMorgens im April meine zwei älteren Brüder ins Zimmer stürzten mitdem Ruf: „Die Schwalben sind da! Die Schwalben sind da!" llnd nuneilten wir alle hinaus. Den Kleinsten, der noch nicht allein laufen konnte,nahmen die Brüder an den beiden Ärmchen, und so hastete er im Flügel-hemdchen, die Füßchen mehr in der Luft, als auf dem Boden, mit uns inden Garten, wo eben die Schwalben ihren Einzug hielten. Es warenoffenbar alte Bekannte. Als wenn sie uns begrüßen wollten, schössen sieimmer dicht an unseren Köpfen vorbei und gaben ihre Freude mit hellen