Buch 
Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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schiffbrüchig der Mensch ist ohne Geduld, und der sich nichtgesehnt hätte, ihre Krone zu tragen.

So lange man jung ist, kann man Geduld noch lernen, undglücklicherweise braucht man keine besonderen Stunden dazu, wiezu Klavier und Handarbeit. Man kann es so ganz nebenbeilernen sogar während der andern Stunden, obwohl es ja sonstnicht erlaubt ist, in der Stunde etwas nebenher zu treiben.Wenn euch z. B. beim Geigen- oder Klavierüben die Geduld aus-geht, so denkt immer daran, dass Geduld zu lernen wichtiger istals Musik; denn das Musizieren kann auch später manche Stundeversässen und manche trübe Stimmung verscheuchen aber dieGeduld ist die grosse Kraft, die es euch möglich macht, allesSchwere im Leben hinzunehmen, als wenn es nicht sei, undschlechte Stimmungen überhaupt nicht aufkommen zu lassen.

Lernen kann man nun Geduld nur, wenn man mit dem Aller-kleinsten anfängt. Ich will euch einmal ein Beispiel sagen;dann findet ihr gewiss selber noch weitere. Wenn ihr morgensdie Stiefel anzieht und findet die Schuhriemen verknotet, so wirdmeist wütend daran herumgenestelt, mit Seufzern und Flüchenendlich nimmt man das Messer oder wirft den Stiefel in die Ecke.Das ist die Vorschule für alle diejenigen, die einmal später in derWelt nichts vorwärts bringen und keine Kraft haben, wenn siein schwierige Lagen kommen. Aber ebenso sicher ist es auch, dassdas Stiefelzüschnüren ein Mittel ist, den guten Geist der Geduldzu beschwören, so wie Aladin mit der Wunderlampe den mäch-tigen Geist kommandiert.Sage mir, wie du mit deinen Stiefelnumgehst, und ich will dir sagen, was aus dir wird so könnteman wirklich sagen. Versucht es nur einmal, die Riemen ohnejedes heftige Muksen ganz sacht und ruhig zu lösen und singtdabei:Der Mai ist gekommen oderWem Gott will rechteGunst erweisen, und wenn es dann nach zehn Minuten geglücktist, dann könnt ihr euch gratulieren. Es hat sich derweilenin euch eine grosse Kraft gesammelt nicht die, welcheexplodiert und verpufft, sondern die stille Riesenkraft der Beharr-lichkeit, die nie müde wird und uns zum Herrscher krönt überdas Schicksal. Oder wenn euer Kragen nicht über den Kopfwill, oder wenn euch beim Schreiben ein Haar in die Federkommt oder der Faden nicht in die Nadel gehen will, oder wennihr einen Lärm hört, bei dem ihr aus der Haut fahren wollt, oderwenn euch jemand ärgert und ihr möchtet losbrechen:Jetzt hab

VIII. Lesebuch. 6