Buch 
Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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Felder geschüttet und alle "Wege zerrissen haben! Was machendie Menschen gegen Hochwasser? In einigen Ländern stehen siemit dummen Gesichtern dabei und lassen alles, wie es war. Inanderen Ländern lassen sie Ingenieure kommen und den Fluss re-gulieren und Dämme errichten. Es wird dafür gesorgt, dass sichdas Wasser gleich im Anfang verteilen kann und dass es Wider-stand findet, wenn der Anprall einmal wider Erwarten gross ist.So bändigt man die Naturgewalt durch Nachdenken und Kunst undwendet sie zum Guten. Warum nicht das gleiche Verfahren mitden Leidenschaften? Warum immer wieder das Hochwasser schutz-los über den Garten der Liebe hingehen lassen? Sagt selbst ein-mal, was würdet ihr tun als Ingenieure der Selbstbeherrschung?Wie kann man die Leidenschaften gleich an der Quelle zerteilen,und welche Gedanken kann man als Schutzdämme aufrichten, wennsie gewaltig dalierströmen? Ich denke dabei an alle die Vorschläge,welche wir in dem Kapitel:Wie soll man Böses vergelten? be-sprochen. Vor allem soll man sich klar machen, dass man mitHeftigkeit und Grobheit am letzten Ende doch immer nur dasGegenteil von dem erreicht, was man möchte. Es ist merkwürdig,schon in der Schule lernen wir, welche Stoffe miteinander Ver-bindungen eingehen, und welche nicht, und welche Wirkung dieverschiedenen Säuren auf die einzelnen Metallarten haben abermit welcher Art des Umgangs man die Menschen beeinflussen kann,und wie man sie in ihren verschiedenen Zuständen am richtigstenbehandelt, davon erfährt man nichts, obgleich es das aller-wichtigste ist im Leben und mehr zur Bildung gehört, als Natur-geschichte. Die meisten Menschen glauben immer noch, dasssie mit Barschheit und Heftigkeit mehr erreichen, als mit Anstandund Güte, und dabei könnte doch jeder darüber Bescheid wissen,der nur ein wenig über seine Erfahrungen nachdenkt und Ursacheund Wirkung beobachtet. Man muss sich nur immer selber fragen:Wie wirkt es auf mich, wenn ich angefahren werde und grobeWorte schlucken muss? Macht es mich etwa willig und hellhörig?Was ich von den Leidenschaften gesagt habe, das gilt auchvon allen anderen Trieben, auch von der Naschhaftigkeit undähnlichen Neigungen, die sich der Herrschaft der Vernunft ent-ziehen wollen. Jeder von uns muss selber aus seinen eigenen Er-fahrungen heraus mitarbeiten, damit wir täglich mehr wissen vondem Wirken der Naturgewalten im Menschenherzen und von derbesten Art, ihnen beizukommen.