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Lehr- und Lesebuch für das achte Schuljahr der Primarschulen des Kantons St. Gallen / nach Vorlage der kantonalen Lehrmittelkommission hrsg. vom Erziehungsrat des Kantons St. Gallen
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3. a) Balken. Durch Erfahrung ist jedem Baumeister be-kannt: 1. dass dünne Balken weniger tragen als dicke; 2. dass sieauf dieHöhe gelegt weit stärker sind, und 3. dass ihre Trag-kraft abnimmt, je weiter die Auflagepunkte von einander entferntsind. Ein paar Versuche weisen uns diese Tatsachen anschaulichnach. 1. Wir stellen einen Balken von 30 cm Länge, 1,5 ein Breite,und 2,5 ein Höhe her. Nun lege ich denselben auf die Breite,unterstütze denselben beidseitig, lege oder hänge auf die Mittedesselben Gewichte, bis sich der Balken merklich biegt. Dengleichen Versuch machen wir mit dem auf die Höhe gelegten Balken.Die nämlichen Gewichte hängen wir an; aber er biegt sich nichtum einen Millimeter. Erst bei bedeutend grösserer Belastung trittdie Biegung ein. Nähern wir die beiden Unterstützungen, so wirddie Tragkraft ebenfalls grösser. Den Widerstand, den die Balkendem Zerbrechen entgegensetzen, heissen wir Bruchfestigkeit. Siewächst am meisten mit der Höhe, etwas weniger mit der Breiteund nimmt ziemlich rasch mit der Länge ab. Würde der Bau-meister die Balken einzig nach diesen Rücksichten bearbeiten, somüsste er sie recht hoch und schmal machen. Allein dann hättensie keinen sichern Stand. Beide Vorzüge weisen die Eisenträgeroder T-Balken auf. Der senkrechte schmale Teil derselben bewirktdie hohe Tragfähigkeit, die breite Stützfläche den sichern Stand.Ihr Gewicht ist verhältnismässig recht klein. Daher werden T-Balkenheute bei allen Bauten verwendet. Wo diese recht schwere Lastenzu tragen haben, liegen gewöhnlich zwei Balken nebeneinander:warum wohl das? Des Transportes wegen. Ein einziger Balken, derso viel trägt wie die zwei, wäre im Gewichte bedeutend höher alsbeide zusammen und daher bei Neubauten und insbesondere beiReparaturen wohl schwer zu heben und zu legen. Bei gleicherAusdehnung besitzen hohle Balken und Säulen eine grössere Bruch-festigkeit als massive.

b) Säulen. Nach alter Erfahrung tragen auch sie um somehr, je dicker und je weniger hoch sie sind. Ihr Querschnitt istgewöhnlich ein Kreis. Die Festigkeit, die sie gegen Druck aus-halten müssen, ist bei diesem Querschnitt am grössten. Die Festigkeitist hier allseitig gleich. Bei quadratischem Querschnitt bögen dieSäulen sich leichter nach den Seiten als nach den Ecken, beimrechteckigen leichter nach den breiten Seiten. Kopf und Fuss derSäulen sind breiter, damit sie sicher stehen und leichter stützen.

4. Für den Baumeister ist es nun wichtig, die Tragkraft aller