Goethe-Briefe.
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Soll ich bey euch bleiben? Soll ich in die Commoedie gehn? — Ich weiß nicht!Geschwind! Ich will würfeln. Ja ich habe keine Würfel! — Ich gehe! Lebt wohl! —Doch halte I nein! jch will da bleiben. Morgen kann ich wieder nicht, damuß ich ins Colleg, und Besuchen und Abends zu Gaste. Da will ich also jetztschreiben. Meldet mir was ihr für ein Leben lebt? Ob ihr manchmahl an michdenkt. Was ihr für Professor habt. & cetera und zwar ein langes & cetera.Ich lebe hier, wie — wie — ich weiß selbst nicht recht wie. Doch so ohngesährSo wie ein Vogel, der auf einem AstIm schönsten Wald, sich, Freiheit athmend wiegt.
Der ungestört die sanfte Luft genießt.
Mit seinen Fittichen von Baum zu BaumVon Bußch zu Bußch sich singend hinzuschwingen.
Genug stellt euch ein Vögelein, auf einem grünen Aestelein in allen seinenFreuden für, so leb ich. Heut hab ich angefangen Collegia zu hören.
Was für? — Ist es der Mühe wehrt zu fragen? Institutivnea imperiales.Historiam iuris. Pandectas und ein privatissimum über die 7 ersten und 7letzten Titel des Codicis. Demi mehr braucht man nicht, das übrige vergißt sichdoch. Nein gehorsamer Diener! das ließen wir schön unterwege. — Im Ernsteich habe heute zwei Collegien gehört, die Staatengeschichte bey Professor Böhmen,und bei Ernesti über Cicerons Gespräche vom Redner. Richt wahr das ging an'.Die andre Woche geht Collegium pliilosopliicum et mathematicum an. —Gottscheden hab ich noch nicht gesehen. Er hat wieder geheurathet. Eine Jfr.Obristleutnantin. Ihr wißt es doch. Sie ist 19 und er 65 Jahr. Sie ist 4 Schuegroß und er 7. Sie ist mager wie ein Häring und er dick wie ein Federsack. —Ich mache hier große Figur! — Aber noch zur Zeit bin ich kein Stutzer. Ichwerd es auch nicht. — Ich brauche Kunst um fleißig zu sein. In Gesellschaften,Concert, Comoedie, bei Gastereyen, Abendessen, Spazierfahrten so viel es um dieseZeit angeht. Ha! das geht köstlich. Aber auch köstlich, kostspielig. Zum Henkerdas fühlt mein Beutel. Halt! rettet! haltet auf! Siehst du sie nicht mehr fliegen?Da marschierten 2 Louisdor. Helft! da ging eine. Himmel! schon wieder ein paar.Groschen die sind hier, wie Kreuzer bei euch draußen im Reiche. — Aber dennochkann hier einer sehr wohlfeil leben. Die Messe ist herum, lind ich werde rechtmenageus leben. Da hoffe ich des Jahrs mit 300 Rthr. was sage ich mit 200 Rthr.auszukommen. NB. das nicht mitgerechnet, was schon zum Henker ist. Ich habekostbaaren Tißch. Merkt einmahl unser Küchenzettel. Hüncr, Gänße, Truthahnen,Endten, Rebhühner, Schnepfen, Feldhüner, Forellen, Haßen, Wildpret, Hechte,Fasanen, Austern u. s. w. Das erscheinet Täglich, nichts von anderm grobenFleisch ut sunt Rind, Kälber, Hamel u. s. w. Das weiß ich nicht mehr wie esschmeckt. Und die Herrlichkeiten nicht teuer, gar nicht teuer. Ich sehe, daß meinBlat bald voll ist und es stehen noch keine Verse darauf, ich habe deren machenwollen. Auf ein andermahl. Sagt Kehren daß ich ihm schreiben werde. Ich hörevon Horn, daß ihr euch ob absentiam puellarum forma elegantium beklagt.Laßt euch von ihm das Urteil sagen daß ich über euch fällete.
Goethe au Kcstner.
^Frankfurt, 25. Dee. 1772.]
Cristtag früh. Es ist noch Nacht lieber Kestner, ich binn aufgestanden umbey Lichte Morgens wieder zu schreiben, das mir angenehme Erinnerungen voriger