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Deutsches Lesebuch für höhere Lehranstalten der Schweiz / im Auftr. einer Konferenz schweiz. Mittelschullehrer umgearb. von W. von Arx und Ed. Haug. Dritter Band / obere Stufe
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345
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Briefwechsel.

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Wenn Sie bei Empfang dieses Briefs mit Ihren Veränderungen im Prologeinig sind und finden gleich einen Expressen, so haben Sie die Güte, mir dasExemplar gleich durch ihn zu senden.

Schiller an Goethe.

Jena, den 8. Oktober 1798.

Dank für die überschickten Decken und Kupfer, die wir hier recht nötig brauchten,und für die guten Nachrichten besonders, die Sie mir vom Gang unserer Theatralienschreiben! Der Aufschub des Stücks kann mir nicht anders als lieb sein; auf denDonnerstag hoffe ich bei guter Zeit dasein zu können. Bei dieser belebten Behandlungder Sache entwickeln sich allerlei Dinge in meinem Kopf, die demWallenstein" nochzustatten kommen werden. Das Vorspiel denke ich noch viel mehr für das Ganzezu benutzen und weiß auch schon viele bedeutende Striche, die es noch zu seinem Vorteilerhalten soll. Die Arbeit wird mir vergrößert und doch zugleich beschleunigt werden.

Hätte ich gedacht, daß die Kapuzinerpredigt morgen früh nicht zu spät kommenwürde, so hätte sie noch besser ausfallen müssen. Im Grund macht es mir große Lust,aus diese Fratze noch etwas zu verwenden; denn dieser Pater Abraham ist ein prächtigesOriginal, vor dem man Respekt bekommen muß, und es ist eine interessante undkeineswegs leichte Aufgabe, es ihm zugleich in der Tollheit und in der Gescheitigkeitnach- oder gar zuvorzutun. Indes werde ich das möglichste versuchen.

Das Soldatenlied habe ich noch mit ein paar Versen vermehrt, die ich beilege.Es beucht mir, daß es gut sein wird, dem Zuschauer anfangs etwas Zeit zu gebe«,sowie auch den Statisten selbst, die Gruppe in ihrer Bewegung zu sehen und die An-ordnungen zu machen. Sie werden es wohl so einrichten, daß mehrere Stimmen sich indie Strophen teilen und daß auch ein Chorus die letzten Zeilen immer wiederholt.Sie haben es mit den Veränderungen, die Sie in meinem Text vorgenommen, ganzgnädig gemacht. Von einigen ist mir die Ursache nicht gleich klar, doch darüberwerden wir sprechen. Solche Kleinigkeiten führen oft zu den nützlichsten Bemerkungen.

Leben Sie recht wohl! Ich freue mich nur, daß Lust und Humor Sie beidieser mechanischen Hetzerei nicht verlassen.

Meine Frau grüßt aufs beste. Schiller.

Schiller an Goethe.

Jena, den 11. Dezember 1798.

Es ist eine rechte Gottesgabe um einen weisen und sorgfältigen Freund; dashabe ich bei dieser Gelegenheit aufs neue erfahren. Ihre Bemerkungen sind voll-kommen richtig und Ihre Gründe überzeugend. Ich weiß nicht, welcher böse Geniusüber mir gewaltet, daß ich das astrologische Motiv im Wallenstein nie recht ernsthaftanfassen wollte, da doch eigentlich meine Natur die Sachen lieber von der ernst-haften als leichten Seite nimmt. Die Eigenschaften des Stoffs müssen mich an-fangs zurückgeschreckt haben. Ich sehe aber jetzt vollkommen ein, daß ich noch etwasBedeutendes für diese Materie tun muß, und es wird auch wohl gehen, ob esgleich die Arbeit wieder verlängert.

Leider fällt diese für mich so dringende Epoche des Fertigwerdens in eine sehrungünstige Zeit. Ich kann jetzt gewöhnlich über die andere Nacht nicht schlafen undmuß viel Kraft anwenden, mich in der nötigen Klarheit der Stimmung zu erhalten.Könnte ich nicht durch meinen Willen etwas mehr, als andere in ähnlichen Fällenkönnen, so würde ich jetzt ganz und gar pausieren müssen.