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Heinrich Boß an Christian Nicmeyer.
jener König, der so von einem spanischen Ambassadenr überrascht wurde. Amheitersten war Schiller bei Tische, wenn er sein Häufchen beisammen hatte. Dannsaß er beständig zwischen zwei seiner Kinder und liebkoste und tändelte mit ihnenbei jeder Gelegenheit. Die Kinder hatten ihn auch unbeschreiblich lieb. Wenn eineszu ihm ins Zimmer kam, so kletterte es an ihn hinan, um ihn zu küssen, undmanchmal kostete es Mühe, zum Zweck zu kommen; denn Schiller war sehr langund tat im geringsten nichts, um es den Kindern zil erleichtern, zu seinem Mundeemporzuklettern.-
Nichts konnte Schillern mehr Freude gewähren, als wenn er andern eineunvermutete Freude bereitete. So hatte er durch eine listige Kombination meinenGeburtstag ausgeforscht, den ich heimlich hielt, um nicht von den Schülern gratuliertzu werden. Er siel auf einen Montag. Den Sonnabend vorher, als ich ihn imSchauspiel aus seiner Loge abholte, faßte er mich unterwegs bei der Hand undfragte, wie ich denn übermorgen meinen Geburtstag zu feiern gedächte. Ich fragteihn, wie er denn wüßte, daß mein Geburtstag wäre? — „Man hat so seineeigenen Mittel und Wege, das auszukundschaften," sagte er. „Daß Sie nicht zuIhren Eltern kommen können," fuhr er fort, „glaube ich der Schule wegen. Dabin ich doch wohl der nächste, um auf Sie Anspruch zu machen." — Ich dankteihm mehr durch Händedruck als durch Worte und ging seelenvergnügt zu Hause.Von dem Augenblick fing bei mir die Feier meines Geburtstages an. Mit einerstillen Wonne ging ich zu Bett und erwartete mit sehnsuchtsvoller Ruhe denMontag. Zu Mittag schickte er mir durch Karl seinen „Teil", und als ich ihn auf-schlug, fand ich freundliche Worte daraufgeschrieben. Um 7 Uhr abends ging ichzu ihm, und mein Vater hätte mir nicht zärtlicher gratulieren können als dieserMann. Die kleine Karoline war meinethalben noch eine halbe Stunde länger auf-geblieben und sagte: „Voß, ich gratuliere Dir auch." Auf Schillers Studierzimmerward ein kleiner, einfacher Tisch gedeckt, und im Hintergründe stand eine FlascheChampagner. Lieber Bruder, der Schiller glich als Hausvater vollkommen meinemVater; aber den kennst Du nicht; doch hast Du die „Luise" inne, und einen solchenAbend feierten wir, wie da geschildert wird, mit ebenso inniger Liebe und Herz-lichkeit durchwürzt.
Schiller hat über Anmut und Würde geschrieben. Das hat mehreren wunder-lich gedeucht. Mich aber befremdet es keineswegs; denn „Altmut und Würde ge-sellt" war sein Charakter. Und soll ein großer Mann nicht etwas beginnen, indem sich sein Charakter ausprägt? Selbst im Gange, in seinen seelenvollen Mienenlag Anmut und Würde; diese gebot Verehrung, jene erweckte herzliche Liebe; abereben diese Liebe für ihn fühlte man stets hervorstechender als die Verehrung; undso, möchte ich auch sagen, war die Anmut auch noch der überwiegende Teil, dersich nie verleugnete. Es ist keine Dichterfiktion, wenn Schiller singt: „Diesen Kußder ganzen Welt!" sondern ein Hauptzug seines Charakters; denn alle Menschensah er wie seine Brüder an und möchte sie mit den Armen seiner Liebe umfangen.Za, und hätte er in der Schöpfung allein dagestanden, er hätte Seelen in dieFelsensteine geträumt. Auch die leblose Natur ist von der Glut seiner Liebe durch-drungen. Deutschland bejammert den Mann, und wenige haben ihn gesehn, nochwenigere gekannt. Es würde des Grams kein Ende gewesen sein, wenn ihn seineVerehrer persönlich gekannt hätten und, statt durch seine Gedichte mittelbar, durchsein Herz unmittelbar wären begeistert worden. —
„An dem Manne ist alles liebenswürdig; selbst sein Schnupftabaksfleckchenunter der Nase kleidet ihn hold!" pflegte I . . . zu sagen. Und es ist wahr.