Gottfried Keller an Theodor Storni.
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bieren, ob noch die Kraft dasei, das Alte zu sammeln und zusammenzubindenmit einem Notreifen zum letzten Gange oder Gewatschel. Ich hoffe, diese Arbeitnächstes Frühjahr voritehmen zu können, und muß eben dann etwas geübt sein,da und dort im Fluge etwas Neues oder Ergänzendes aufzuhaschen, wenn dieLaune der früheren Tage wach ist und die Weisheit des Alters oder bereu be-rühmtes Gegenteil wenigstens dabeisteht. Inzwischen danke ich geziementlich fürdie genossene Aufmunterung und werde sie nur mäßig mißbrauchen.
(Zürich, 13. August 1878.)
Paul Heyses Zustand ist mir rätselhaft; er hat in ungefähr Jahresfrist einenBand der schönsten Verse gemacht, und doch soll er fortwährend krank sein.Vielleicht bringt eben das angegriffene Nervenwesen eine solche selbstmörderischeFähigkeitssteigerung mit sich. In diesem Falle habe ich gute Nerven, bin dabeiaber ein ungeschickter Kopf. Spaß beiseite, glaub' ich fast, es räche sich, daß Heyseseit bald dreißig Jahren dichterisch tätig ist, ohne ein einziges Jahr Ableitung oderAbwechslung durch Amt, Lehrtätigkeit oder irgend eine andere profane Arbeitsweisegenossen zu haben. Ein Mann wie er, der wirklich zu konsumieren hat, wird undmuß hierbei selbst mitkönsumiert werden; es ist nicht wie bei einem Drehorgelmann.Aber man darf ihm nichts sagen; es ist zu spät; er muß sich trotz alledem er-holen oder aufbrauchen. Auch Deck und Gutzkow ist diese Lebensart nicht gut be-kommen, ohne daß ich übrigens unsern idealen Paulus mit solchen literarischenErzpraktikern vergleichen will. (20. Dezember 1879.)
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Mein Schicksalsbuch rückt endlich doch seinem Abschluß entgegen; der vierteBand ist im Druck, mit den Korrekturen freilich noch der definitive Schluß inmeiner Hand. Nachdem der abnorme Winter vorbei und kein Grund mehr da-war, nicht an dem Zeug zu arbeiten, befiel mich erst wieder eine krankhafte Wider-willigkeit und Scheu, in dem nbelangelcgten Wesen fortzufahren. Die Arbeit warnicht sowohl schwer als trübselig, mit offenen Augen an dem Unbedacht und dernicht zu verbessernden Unform eines längst entschwundenen Lebensalters herum-basteln zu müssen, anstatt sich dem Neuen zuzuwenden. Der bloße Gebrauch vonBlaustift und Schere wäre das Einfachste und Glücklichste gewesen; allein es wirdja gar nichts Fragmentarisches mehr gelitten, und selbst gegen das verzögerte Er-scheinen eines Schlusses erfährt man das roheste materielle Räsonieren und Drängelnvon feite derer, die den Anfang mit ihrer Aufmerksamkeit beehrt haben. Das warvor hundert Jahren doch anders. Ein Goethe durfte den „Wilhelm Meister"liegen lassen, ein Schiller den „Geisterseher" ganz abbrechen, ohne so geplagt zuwerden, und man vergnügte sich an dem, was dawar. Ich weiß freilich, daßman sich nicht mit den beiden vergleichen soll; allein sie waren ja noch nicht dieunnahbaren Herren, die sie jetzt sind. (13. Juni 1880.)
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Ich hasse das Herausgeben von Anthologieen, zusammengebettelten Jahr-büchern und Almanachen durch ganz junge Leute, welche mit einigen schlechtenBersen debütiert haben und sich nun mit diesem Mittel nachhelfen und in denMund der Leute bringen wollen. Solche Knaben, an einem gewissen Vormittagenoch keiner Seele bekannt, treten am Nachmittage infolge des Staubes, den siewit Briefewechseln und allen möglichen Zudringlichkeiten auszuwerfen verstehen,